Alternativgeschichte-Wiki
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Die Geschichte Großdeutschlands umfasst die Geschichte der Staaten und Nationen auf dem Gebiet des heutigen Großdeutschen Reiches, also insbesondere des Deutschen Reiches (1871-1940), darüber hinaus auch der kurzzeitig existierenden Staaten Republik Österreich (1919-1938) und Tschechoslowakei (1918-1939) sowie der Staaten des Deutschen Bundes (1815-1866) und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (800-1806).


Antike

Um 500 v. Chr. war Norddeutschland bereits von germanischen Stämmen besiedelt, die sich nach und nach auch in die südlich und östlich gelegenen Siedlungsgebiete der Kelten und anderer benachbarter Völker ausbreiteten. Seit der Eroberung Galliens durch Julius Caesar lebten sie in direkter Nachbarschaft zum Römischen Reich. Mit dem Beginn der Völkerwanderung zogen zahlreiche germanische Stammesverbände ins Reichsgebiet und errichteten eigene Königtümer auf den Trümmern des Imperiums, von denen das Reich der Franken schließlich zur dominierenden Macht Europas werden sollte.

Frühmittelalter

Das Frankenreich beherrschte im 8. Jahrhundert neben dem ehemaligen Gallien auch weite Gebiete des alten Germanien. Karl der Große unterwarf als letztes freies Volk die Sachsen zwischen Nordsee und Harz. Am Weihnachtstag 800 n. Chr. wurde er in Rom von Papst Leo III. zum Römischen Kaiser gekrönt. Nach seinem Tod wurde das Frankenreich geteilt und es entwickelten sich ein Ost- und ein Westfränkisches Reich. Aus dem Westfränkischen Reich entwickelte sich das heutige Frankreich, während die germanischen Herzogtümer des Ostfränkischen Reiches eine eigene Identität entwickelten. Spätestens nach dem Sieg Heinrichs I. gegen die eindringenden Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg trat ein geeintes germanisch geprägtes Königtum in Erscheinung. König Otto I. sicherte sich nach seiner Eroberung Italiens zusätzlich die Römische Kaiserkrone, die von nun an bis 1806 in "deutschem" Besitz verbleiben sollte.

Hoch- und Spätmittelalter

Im Laufe der Zeit büßten die Kaiser viel von ihrer Hausmacht ein und mussten den Reichsfürsten immer größere Zugeständnisse machen. Dies war nicht zuletzt dem System des Wahlkaisertums geschuldet, wodurch sich die wahlberechtigten Kurfürsten Zugeständnisse für eine geregelte Nachfolge erzwangen. Außenpolitisch war das Reich schließlich kaum noch handlungsfähig und viele Fürsten betrieben eine vom Reich unabhängige Politik, die zum Entstehen mehrerer bedeutender Mittelmächte führte (z.B. Bayern, Österreich und Preußen), während die Einmischungen auswärtiger Mächte in die inneren Angelegenheiten des Reiches sich mehrten. Seit dem 14. Jahrhundert beherrschte das Geschlecht der Habsburger von Österreich aus das Heilige Römische Reich .

Mit der lutherischen Reformation zerbrach die bisherige religiöse Einheit des Reiches und selbst ein Teil der Kurfürstentümer fiel in evangelische Hand. Es folgten zwei Jahrhunderte der religiösen Kriege auf deutschem Boden, die im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ihren Höhepunkt und Abschluss fanden. Der Krieg richtete großflächige Zerstörungen an und kostete etwa ein Drittel der Bevölkerung das Leben. Im Westfälischen Frieden schieden Italien , die Schweiz und die Niederlande endgültig aus dem Reichsverband aus, während das Gebiet des heutigen Belgien zwischen Österreich und Frankreich umkämpft blieb.

Frühe Neuzeit

Im 18. Jahrhundert stieg das Kurfürstentum Brandenburg unter den Hohenzollern zur neuen Großmacht auf. Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) erkämpfte sich der nun Preußen genannte Staat gegen die Großmächte Österreich und Russland seine bleibende weltpolitische Bedeutung. Er sollte schließlich neben Österreich zur zweiten deutschen Hegemonialmacht werden.

Mit der Französischen Revolution und dem Aufstieg Napoleons kam schließlich das Ende des "Alten Reiches". Frankreich annektierte das linke Rheinufer und gründete den Rheinbund als Stachel im Fleisch des verbliebenen Reichsgebiets. Kaiser Franz I. legte schließlich 1806 die Römisch-Deutsche Kaiserkrone nieder, proklamierte jedoch bereits 1804 das Kaisertum Österreich, um mit Napoleon Ranggleichheit zu wahren. Die europäischen Großmächte kämpften Napoleon schließlich nach seinem gescheiterten Russland-Feldzug zwischen 1813 und 1815 mühsam nieder. Die Völkerschlacht bei Leipzig gilt als Wendepunkt auf dem deutschen Kriegsschauplatz. Insbesondere Preußen fühlte sich nun als Speerspitze der Befreiungskriege gegen die französische Okkupation. Feldmarschall Blücher besiegte Napoleon 1815 im Bunde mit dem britischen Befehlshaber Wellington endgültig bei Waterloo in Belgien.

Der Deutsche Bund

Nach der Niederlage Napoleons wurden die politischen Verhältnisse in Europa neu geordnet. Viele Deutsche hofften auf die Bildung eines eigenen Nationalstaates nach dem Vorbild Frakreichs. Doch diese Hoffnungen wurden auf dem Wiener Kongress enttäuscht, der stattdessen einen losen Bund von Fürstenstaaten, den Deutschen Bund , schuf. Die Unzufriedenheit mit dieser Lösung entlud sich über Jahrzehnte immer wieder in demokratischen und liberalen Protesten, die schließlich 1848/49 in die Deutsche Revolution mündeten. Unter dem Druck der Straße wurde eine Nationalversammlung gewählt und in Frankfurt ein Verfassungsentwurf ausgearbeitet. Nach langen Diskussionen sollte ein "kleindeutscher" Bundesstaat unter preußischer Führung entstehen, der preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnte die ihm angebotene Kaiserkrone aber ab. Damit war die Revolution gescheitert. Der Deutsche Bund wurde erneuert und Zensur und Repression bestimmten die Gesellschaft der nächsten Jahre.

1866 schließlich kam es zum Bruch des Bundes, nachdem Preußen unter seinem Ministerpräsidenten Otto von Bismarck den Plan gefasst hatte, die kleindeutsche Lösung mit Gewalt zu verwirklichen. In einem Krieg gegen Österreich und seine Verbündeten konnte Preußen sich in der Schlacht von Königgrätz durchsetzen. Österreich schied vorerst aus dem deutschen Raum aus und Preußen bildete zunächst mit den übrigen norddeutschen Staaten den Norddeutschen Bund. 1870/71 besiegten die vereinigten Armeen der Preußen, Bayern, Badener und Württemberger das aufgrund einer gezielten Provokation zum Krieg gereizte Frankreich und die süddeutschen Staaten schlossen sich dem Norddeutschen Bund, nun erweitert zum Deutschen Reich , an.

Das Kaiserreich

Mit der Reichsgründung begann eine Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland . Die Wirtschaft wuchs und Deutschlands Einfluss in der Welt ebenso. Die sogenannten Gründerjahre brachten dem Reich und seinen Bewohnern Wohlstand, jedoch auch Not und Elend für die Arbeiter. Die soziale Frage beherrschte den größten Teil von Bismarcks Kanzlerschaft, die er durch Fortschritte wie die Krankenversicherung zu entschärfen versuchte, nicht ohne den Hintergedanken natürlich, dadurch den Aufstieg Sozialdemokratie einzudämmen.

Zwar zeigten seine Maßnahmen wie das Sozialistengesetz nicht die erhoffte Wirkung, doch das deutsche Sozialsystem war zum Ende von Bismarcks Regierungszeit das fortschrittlichste der Welt.

1888 starb Kaiser Wilhelm der I. und sein Sohn Friedrich III. folgte auf den Thron nach. Allerdings verstarb er schon nach wenigen Wochen, sodass sein Sohn als Wilhelm II. den Kaiserthron bestieg. Mit Wilhelm II. begann ein neuer Abschnitt in der deutschen Geschichte, der geprägt war von dem Ziel, mit England zu konkurrieren und Kolonien in Übersee zu erwerben. Bismarck stand diesen Plänen ablehnend gegenüber, weswegen er von Wilhelm 1890 entlassen wurde. In der Folge schaffte es Wilhelm II., das von Bismarck aufgebaute Bündnissystem in Europa innerhalb weniger Jahre zu Fall zu bringen.

Auch der Erwerb von Kolonien gestaltete sich schwierig, da bis auf einige weniger attraktive Randgebiete kaum noch Land übrig war.

Das Flottenwettrüsten belastete zusätzlich die Beziehungen zur Weltmacht England .

Als am 28. Juni der österreichische Thronerbe Franz-Ferdinand in Sarajevo erschossen wurde, war ein europäischer Krieg unausweichlich. Vier Jahre lang kämpften die Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn , Bulgarien , Osmanisches Reich ) gegen die Übermacht der Alliierten.

Zwar konnte Russland als Gegner ausgeschaltet werden, indem man den Revolutionär Lenin durch Deutschland nach St. Petersburg reisen ließ, doch der Kriegseintritt der USA zwang die Mittelmächte schließlich Ende 1918 zur Kapitulation.

In Berlin wurde am 9. November die Republik ausgerufen, am 11. November unterzeichnete Deutschland den Waffenstillstand.

Die Weimarer Republik

Die deutsche Republik hatte bereits in ihren Anfängen unter erheblichem Druck zu leiden. Zunächst erschütterte eine kommunistische Revolution das Land, dann kam es zu Putschversuchen und politischen Morden von Rechts.

Die nächste Hürde stellte der Versailler Vertrag dar, der neben umfangreichen Gebietsabtretungen die alleinige Kriegsschuld des Deutschen Reiches festschrieb.

Widerstand gegen das Diktat von Versailles, wie es in weiten Kreisen genannt wurde, regte sich Widerstand in allen politischen Lagern.

Dennoch konnte sich die Republik ab 1924 zunächst stabilisieren. Außenpolitisch wurde die Isolation durchbrochen. Dies war insbesondere Außenminister Gustav Stresemann zu verdanken, der Deutschland 1926 sogar in den Völkerbund führte.

Die Wende kam ab 1929, als die Börsen überall auf der Welt zusammenbrachen. Eine schwere Wirtschaftskrise war die Folge, die zu Armut, Massenarbeitslosigkeit und vor allem politischem Extremismus führte.

Als keine stabilen Mehrheiten im Parlament für eine Regierungsbildung mehr zustande kamen, regierte Reichskanzler Franz von Papen als Chef eines sogenannten Präsidialkabinetts ohne Mehrheit im Parlament mittels Notverordnungen, die er sich vom Reichspräsidenten ausstellen ließ. Sobald der Reichstag versuchte, der Regierung das Misstrauen auszusprechen oder die Notverordnungen zu kassieren, wurde er vom Reichspräsidenten auf Antrag der Regierung aufgelöst. Damit hatte die Parlamentsdemokratie ihre Bankrotterklärung abgegeben.

Die Kommunisten gewannen bei den folgenden Wahlen massiv hinzu, mehr jedoch profitierte die NSDAP Adolf Hitlers von der Krise der Demokratie. Bis 1932 wuchs der Stimmenanteil der Partei auf fast 40 Prozent. Am 30. Januar 1933 wurde Hitler von Reichspräsident Hindenburg zum Kanzler ernannt.

Die Regierungszeit Adolf Hitlers

Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler ging Hitler energisch daran, die Not des Volkes durch zahlreiche Maßnahmen zu lindern. Er begann den massiven Ausbau des Autobahnnetzes im ganzen Reich, führte den Reichsarbeitsdienst ein und belebte die Wirtschaft durch zahlreiche Anreize.

Am 28. Februar wurde das Reichstagsgebäude bei einem Brand schwer beschädigt, hinter dem Anschlag wurden Kommunisten vermutet. Bis heute sind die Ursachen für diesen Unfall nicht restlos aufgeklärt.

Mit der Notverordnung Zum Schutz von Volk und Staat wurden die Grundrechte außer Kraft gesetzt und die Verfolgung politischer Gegner eingeleitet.

Die KPD wurde verboten, ihre Abgeordneten verhaftet und auch die Sozialdemokraten sahen sich schweren Verfolgungen ausgesetzt.

Die Gefangenen wurden in Konzentrationslagern untergebracht, wo sie systematisch von Mitgliedern der SA misshandelt wurden. Später wurden die Lager auch mit Juden, "Asozialen", Homosexuellen, Kriminelle, Sinti und Roma, sowie Ernsten Bibelforschern (Zeugen Jehovas) gefüllt. Alle diese waren den Torturen der Schergen des Systems hilflos ausgeliefert, da die Konzentrationslager außerhalb des Rechtssystems agierten.

1934 wurde die SA unter Ernst Röhm unter dem Vorwand, sie habe einen Staatsstreich geplant, entmachtet und ihre Führer hingerichtet. Die Verwaltung der Konzentrationslager wurde der SS übertragen, die unter Heinrich HImmler den Platz der SA im Machtapparat übernahm.

1935 konnte nach einer Volksabstimmung das Saargebiet wieder ins Reich eingegliedert werden, noch im gleichen Jahr wurde die Wehrpflicht entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrages wieder eingeführt. 1936 besetzten Truppen der Wehrmacht das entmilitarisierte Rheinland, was einen weiteren Verstoß gegen den Vertrag darstellte.

Das Anschlussdenkmal in Oberschützen, Reichsgau Steiermark 1939

Der größte Erfolg gelang Hitler schließlich 1938, als er Österreich und das Sudetenland dem Reich anschloss und somit das Großdeutsche Reich gründete. 1939 ließ er die Überreste der einstigen Tschechoslowakei besetzen und zum Reichsprotektorat Böhmen und Mähren ausrufen. Kurz darauf gelang es ihm noch, das Memelland von Litauen zurückzugewinnen, das dieses 1923 annektiert hatte. Auf dem Höhepunkt seiner Macht fiel der Führer und Reichskanzler auf perfide Weise an seinem 50. Geburtstag einem Attentat, ausgeführt vom britischen Militarattachée Noel Mason-MacFarlane, zum Opfer.

In den Jahren seiner Herrschaft hatte Hitler dem Großdeutschen Reich zu einem beispiellosen Wiederaufstieg unter die führenden Weltmächte verholfen. Politiker aus dem In- und Ausland würdigten den großen Staatsmann, der Deutschland - ohne einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben - aus den Fesseln des Versailler Vertrages befreit, den alten großdeutschen Traum durch die Wiedervereinigung seiner Heimat Österreich mit dem Deutschen Reich verwirklicht und den Deutschen ihren Stolz zurückgegeben hatte. Erst mit dem Einmarsch in die Rest-Tschechei und dem Anschluss des Memellandes endete die Geduld der Westmächte, die in Folge dessen zu einer gegen Deutschlands Expansion gerichteten Bündnispolitik in Osteuropa übergingen. Dennoch konnte Adolf Hitler als einer der größten deutschen Staatsmänner in die Geschichtsbücher eingehen.

Die ersten Jahre der Göring-Ära

Hermann Göring während seiner Antrittsrede als Staatsoberhaupt vor dem Großdeutschen Reichstag, 20. April 1939

Am 21. April 1939 war das Großdeutsche Reich nicht mehr das selbe wie am Tag zuvor. Mit Adolf Hitler hatte es einen gefeierten Nationalhelden und Märtyrer verloren, der wie kein Zweiter gleichbedeutend mit dem Wiederaufstieg unter die führenden Weltmächte war. Entsprechend begannen die Radiostationen bereits am Morgen damit, in über Nacht vorbereiteten Dokumentationen das Leben des Führers Revue passieren zu lassen und seiner größten Erfolge zu gedenken. Die ersten Tage der neuen Zeitrechnung standen ganz im Zeichen dieses Heiligenkultes, der nun um Hitler herum gewoben wurde. Manch einer versuchte sich in einer positiven Umdeutung des Anschlags als schicksalhafte Begebenheit, war es doch nicht unüblich, eine gewisse Perfektion aus dem Umstand herzuleiten, dass eine bedeutende Persönlichkeit am Tag ihrer Geburt wieder aus dem Leben schied, noch dazu an einem runden Geburtstag wie dem 50. Hitlers "historische Mission", so schien es vielen, war an diesem Tag vor aller Augen sichtbar erfüllt und sein Vermächtnis vollendet.

Noch für den Abend des 20. April berief Hermann Göring den Großdeutschen Reichstag als dessen Präsident zu einer außerordentlichen Sitzung ein. Er eröffnete die Sitzung um 18:00 Uhr, indem er den Text des "Gesetzes über den Nachfolger des Führers und Reichskanzlers" vom 13. Dezember 1934 sowie den "Erlass über die Ernennung von Hermann Göring zum Nachfolger des Führers und Reichskanzlers" vom 23. April 1938 vor den versammelten Abgeordneten verlas. Somit war allen Anwesenden klar, dass Göring mit vollem Recht das Erbe Hitlers anzutreten beabsichtigte. Eine formelle Vereidigung sah das Gesetz nicht vor. In seiner ersten Ansprache als Staatsoberhaupt erklärte der Feldmarschall, dass er schweren Herzens und in Übereinstimmung mit den ausdrücklichen Wünschen Hitlers die Führung des Reiches übernommen habe und gedenke, in seinem Geiste fortzufahren, den Nationalsozialismus und das Großdeutsche Reich ihrer letztlichen Bestimmung entgegenzuführen - Deutschland wieder zur führenden Macht Europas zu machen. Auch kündigte er entschiedene Vergeltungsmaßnahmen gegenüber den Hintermännern des Mordanschlags an und drohte Großbritannien mit einer "Demonstration von Deutschlands Stärke und Entschlossenheit". Die Truppen wurden in Alarmbereitschaft versetzt und die Nordseeflotte machte sich zum Auslaufen bereit.

Nach der Reichstagssitzung begab sich Göring gegen 19:30 Uhr zur Neuen Reichskanzlei, in die er bereits die Oberkommandierenden und Generalstabschefs der drei Waffengattungen der Wehrmacht (Wilhelm Keitel (OKW), Walther von Brauchitsch und Franz Halder (OKH), Erich Raeder (OKM) und Erhard Milch (OKL)), den Reichsführer SS (Heinrich Himmler), den Reichsleiter SA (Viktor Lutze) sowie die Mitglieder von Hitlers Kabinett einbestellt hatte. Von allen Anwesenden verlangte er einen Treueeid auf seine Person, wie im Erlass über die Ernennung Görings von Hitler gefordert:

Er hat unmittelbar nach meinem Tode die Mitglieder der Reichsregierung, die Wehrmacht des Deutschen Reiches sowie die Formationen der SA und SS auf seine Person zu vereidigen.

Weitgehend überrumpelt von diesem Vorgehen regte sich keinerlei Widerstand und alle ließen sich ohne zu zögern vereidigen. SA-Leiter, SS-Führer und Wehrmachtsführung sollten dafür Sorge tragen, dass auch die nachgeordneten Stellen schnellstmöglich auf das neue Staatsoberhaupt vereidigt würden. Die bestehenden Strukturen ließ Göring zunächst unangetastet. Alle wichtigen Entscheidungsträger blieben vorläufig auf ihren Posten. Der größte Teil der Minister aus Hitlers Kabinett konnte seine Arbeit auch unter Göring fortsetzen, wobei dieser jedoch anderen Kräften den Vorzug gab als sein Vorgänger. So konnte vor allem Innenminister Frick wichtigen Boden gutmachen, dem vor allem daran gelegen war, das Kompetenzgerangel in der staatlichen Verwaltung zu beseitigen und klare und effektive Strukturen zu schaffen, die das Reich stabil hielten. Göring wusste nur zu gut, dass diese Reformen unumgänglich waren, um das Reich angesichts der Fliehkräfte, die der Tod des Führers unweigerlich freisetzen würde, "auf Linie" zu halten.

So sehr Göring auch versuchte, seine Macht zu sichern, so war dies doch letztlich vor allem ein Eingeständnis dessen, dass Göring nie über dieselbe Machtfülle verfügen würde wie Hitler, obwohl er dessen Amt geerbt hatte. Ihm fehlte sowohl die Bindungswirkung - die Hitler zu einem guten Teil durch sein Charisma, zu einem anderen durch sein außergewöhnlich volatiles Temperament erzielt hatte - als auch die reale Kompetenz. Denn ein wesentliches Problem sollte die Regierungsarbeit Görings nachhaltig belasten: Das Auslaufen des Ermächtigungsgesetzes durch den Tod des Führers und deren Folge, dass "die gegenwärtige Reichsregierung durch eine andere abgelöst" wurde.

Das führte für die Regierungsarbeit zu einer paradoxen Situation, insofern als alle Gesetze, die die Reichsregierung unter Hitler auf Basis der Ermächtigung beschlossen hatte in Verfassungsrang standen, die Reichsregierung unter Göring aber selbst nicht mehr die Kompetenz hatte, an diesen Gesetzen etwas zu ändern oder neue zu erlassen. Dies war fortan wieder nur mit einer 2/3-Mehrheit im Reichstag möglich, die aber von Kompromissen unter den Paladinen und dem Wohlwollen der Abgeordneten abhängig war. Das politische System erlitt dadurch eine gewisse Versteinerung und nahm der neuen Führung die Flexibilität.

Göring hatte prinzipiell durch das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten nach wie vor die Möglichkeit, per "Führererlass" zu regieren, doch waren solche Erlasse wiederum davon abhängig, dass ein Minister sie gegenzeichnete und der Reichstag sie nicht nachträglich kippte. In den ersten Monaten nach dem Amtsantritt Görings funktionierte dieses Instrument noch relativ zuverlässig, doch mit der Zeit wurden die entstehenden Fraktionen im Reichstag immer selbstbewusster und ließen sich eine persönliche Diktatur des Reichsmarschalls nicht unbegrenzt gefallen.

Offizielles Portrait Görings

Das Großdeutsche Reich musste sich unter seiner Regentschaft in den kommenden Monaten und Jahren mit mehreren großen Krisen und politischen Umwälzungen auseinandersetzen. Zusätzlich verstärkten sich mit fortschreitender Amtsdauer Görings Risse im vermeintlich monolithischen Gefüge des NS-Staates. Die einzelnen Reichsminister wurden immer selbstbewusster und nutzten ihre Verordnungskompetenz, um direkt in ihrem Sinne auf die Reichsverwaltung einzuwirken. Wo ein Sachthema mehrere MInisterien berührte, kam es nicht selten zu inhaltlichen Konfrontationen zwischen den MInisterien, die sich widersprechende Anweisungen an die ihnen unterstellten Behörden weitergaben. Göring fiel es, auch aufgrund seines Gesundheitszustandes (er war seit einer medizinischen Behandlung nach dem gescheiterten Hitlerputsch 1923 morphinabhängig), immer schwerer, einen Ausgleich zwischen den auseinanderdriftenden Vorstellungen herzustellen, wie der Nationalsozialismus zu funktionieren habe. Wenngleich seine Führungsposition nicht offen zu Debatte stand, war doch sowohl im Inland als auch im Ausland allen klar, dass er nicht das Charisma besaß, das nötig war, um die übrige Führung dauerhaft an sich zu binden. Insbesondere mit Himmler sollte sich über die nächsten Jahre ein gefährlicher Dualismus herausbilden, der immer stärker das Potential zu einem Bürgerkrieg in sich barg.

Demgegenüber reagierte die deutsche Öffentlichkeit weitgehend positiv auf Görings Herrschaft. Er war innerhalb der NS-Führungsriege auch vor 1939 bereits verhältnismäßig populär gewesen und verstand es, sich trotz seiner Eitelkeit und seines Hangs zu Prunk und Pomp, der im Volk eher wohlwollendes Schmunzeln als Ablehnung hervorrief, volksnah zu inszenieren. Hartnäckig hielten sich Berichte über seinen Sinn für Selbstironie, in dem er angeblich jeden über ihn kursierenden Witz eifrig sammelte.

Auch in der Wirtschaft und im alten Adel begrüßten viele klassische Konservative sowie die Großindustrie die neue Führung, zumal Göring sich in den Jahren unter Hitler eine erstaunliche Eigenständigkeit bewahren konnte und besonders unter den Anhängern eines traditionellen wilhelminischen Imperialismus in einer Weise anschlussfähig war, die es ihm ermöglichte, relativ frei außerhalb der Parteistrukturen zu agieren.

Auf dem Reichsparteitag des Friedens vom 2. bis 11. September 1939, auf dem vor allem dem Ausland der anhaltende Friedenswille Großdeutschlands demonstriert werden sollte, wurde Göring als neuer starker Mann des Großdeutschen Reiches in Szene gesetzt und als Garant der Stabilität in Mitteleuropa.

Außenpolitik

Hermann Göring auf dem Reichsparteitag 1939, daneben Joseph Goebbels und Rudolf Hess

In seiner Eröffnungsrede, in der Göring zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit die Grundzüge seines Regierungsprogramms vorstellte, machte der Reichsmarschall deutlich, dass allein eine Stellung innerhalb der Weltpolitik des Großdeutschen Reiches würdig sei: Die einer Weltmacht! Dieses Ziel wolle er durch ein enges Zusammenstehen der mitteleuropäischen Staaten gegen die Sowjetunion im Osten wie gegen die ständigen Einmischungen Großbritanniens in kontinentaleuropäische Angelegenheiten im Westen erreichen. Entgegen der Linie Hitlers, der die deutsche Kolonialbewegung bewusst kleingehalten hatte, erneuerte Göring auch die Forderung nach einer bedingungslosen Rückgabe der deutschen Kolonien als Vorbedingung für eine Rückkehr Großdeutschlands in den Völkerbund. Grundsätzlich zeigte er sich aber nach vielen Seiten dialogbereit, so z.B. gegenüber dem westlichen Nachbarn Frankreich. Er betonte, dass ein zweiter europäischer Krieg nicht im Interesse des Reiches liegen könne, man aber auch nicht vor der Selbstverteidigung zurückschrecken werde. In diesem Zusammenhang hob er besonders seine Verdienste um das Zustandekommen des Münchner Abkommens hervor, das 1938 einen eben solchen Krieg im letzten Moment vermieden hatte, und kündigte als einen wesentlichen Eckpfeiler seiner zukünftigen Politik gesamteuropäische Verhandlungen zur vollen Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker unter dem Leitbild des Ethnopluralismus an, also der Schaffung homogener Nationalstaaten vor allem in Osteuropa, wo in aller Regel Siedlungs- und Staatsgrenzen nicht miteinander übereinstimmten.

Duce Benito Mussolini und Reichsmarschall Hermann Göring bei einem Treffen in Rom, 1940

In den allgemeinen Leitlinien der Außenpolitik band sich Göring in einer Weise an Spanien und Italien, die Hitler niemals in den Sinn gekommen wäre. Der Führer hatte für seinen Verbündeten kaum etwas Anderes als Verachtung übrig. Mussolini und Franco waren für ihn ein notwendiges Übel, aber niemals ebenbürtig. Das änderte sich unter Göring vollkommen. Er war mit beiden Diktatoren persönlich befreundet und darüber hinaus stand er ihnen ideologisch deutlich näher als Hitler. So verwendete Göring viel Energie darauf, ein enges Bündnis der faschistischen Staaten in Europa und darüber hinaus zu schmieden, um, wie es bereits das Kaiserreich versucht hatte, einen "Block der Mittelmächte" gegen West und Ost gleichermaßen zu bilden. Dem daraus entstehenden "Kontinentalblock" unter deutscher, italienischer und spanischer Führung traten bald auch andere Staaten bei: Die Slowakei (1940), Ungarn (1940), Estland (1941), Lettland (1941) Rumänien (1942) und Bulgarien (1942). Görings Werben um eine polnische Beteiligung traf in Warschau hingegen nicht auf Gegenliebe. Dafür intensivierte das Reich seine Beziehungen nach Südamerika, wo unter Anderem in Brasilien und Argentinien faschistisch-militaristische Regimes bestanden. Großdeutschland geriet dort bald in einen Interessenskonflikt mit den Vereinigten Staaten, die gemäß der Monroe-Doktrin eine Schutzmachtstellung gegenüber den südamerikanischen Staaten und ein Interventionsrecht beanspruchten.

Nationalitätenpolitik

Spruchband am Eingang eines Erstaufnahmelagers für Aussiedler aus Osteuropa, 1941

Da Göring damit implizit Bevölkerungsverschiebungen den Vorzug vor Gebietsveränderungen gegeben hatte - obwohl dies vor allem den Polen keinesfalls so eindeutig schien - wurde die medial vielbeachtete Initiative von den übrigen europäischen Staaten größtenteils wohlwollend aufgenommen. Eine gesamteuropäische Konferenz kam indes nicht zustande, sodass Göring sich darauf verlegte, Umsiedlungsverträge mit einzelnen Ländern (die ersten noch 1939/40 mit Italien, Estland und Lettland) abzuschließen. Theoretisch ermöglichten diese Optionsverträge - im Volksmund nach dem Leitspruch der zugehörigen Propaganda-Kampagen auch "Heim-ins-Reich-Verträge" genannt - den Angehörigen nationaler Minderheiten in den jeweiligen Staaten die freie Entscheidung darüber, ob sie die ihrer Volkszugehörigkeit entsprechende Staatsangehörigkeit annehmen und übersiedeln, oder ob sie an ihren angestammten Wohnorten verbleiben wollten.

Die Realität der Durchgangslager unterschied sich deutlich von dem in der Propaganda gezeichneten Bild, Juni 1944

In der Realität ging mit dem Abschluss dieser Verträge jedoch auch das stillschweigende Einverständnis der Vertragsparteien zu einer entsprechenden Homogenisierungspolitik einher, die diskriminierende Maßnahmen gegen die Sprachen der Minderheiten und deren Kultureinrichtungen ebenso umfasste wie Benachteiligungen im öffentlichen und beruflichen Leben, sodass der Verbleib mehr und mehr zu einer fiktiven Wahlmöglichkeit wurde. Im Gegenzug wurden den Umsiedlern im Großdeutschen Reich ein Begrüßungsgeld, finanzielle Vergünstigungen sowie geschlossene Siedlungsgebiete im Reichsgebiet und im Protektorat Böhmen und Mähren in Aussicht gestellt. So konnte ein großer Teil der Volksdeutschen aus Osteuropa (Schätzungen gingen 1945 von etwa 75 bis 80 Prozent aus) wieder mit den übrigen Volksgenossen zusammengeführt werden. Konfliktreich gestaltete sich hingegen die Integration der Zugezogenen im Reich selbst sowie die Zuweisung geeigneter Siedungsgebiete und Bauplätze. Viele Umsiedler mussten teils jahrelang in Erstaufnahmelagern ausharren.

Parallel dazu trieb die Regierung Göring die Germanisierung des Reichsgebietes voran. Insbesondere im Protektorat Böhmen und Mähren entstanden nun in großer Zahl deutsche Siedlungen, die dem Zugriff der Protektoratsverwaltung entzogen waren (sie wurden stattdessen administrativ den umliegenden Reichsgauen Sudetenland, Ober- und Niederdonau unterstellt) und wie befestigte Enklaven die böhmischen Lande durchsiebten. Dafür wurden in großer Zahl tschechische Bauern enteignet. Viele dieser Siedlungen umgaben hohe Mauern mit Stacheldraht und Wachtürmen; die SS übernahm ihren Schutz gegen die aufgebrachten tschechischen Nachbarn. In der deutschen Bevölkerung wurde das Protektorat bald als "Reichsemmentaler" verulkt. Die Siedlungspolitik sollte ein erster Schritt zur vollständigen Germanisierung der böhmisch-mährischen Lande sein, die eine Ausschaltung der autochthonen tschechischen Kultur und eine Integration der "germanisierungswürdigen" Bewohner des Protektorats einschloss. Jeder Hinweis auf ein vom Großdeutschen Reich getrenntes Staatsgebilde oder gar ein eigenes Nationalbewusstsein sollte restlos getilgt werden.

Gegen diese Maßnahmen regte sich erbitterter Widerstand der Tschechen, der sich immer wieder in Massendemonstrationen, Streiks und zivilem Ungehorsam, später auch immer wieder in bewaffneten Aufständen, äußerte. In insgesamt drei Volksaufständen (národné povstanie) versuchten die Tschechen, die deutsche Herrschaft abzuschütteln. Immer wieder gab es auch nachgiebige Phasen der deutschen Siedlungspolitik, die dem Protektorat mehr Freiheiten in der Gestaltung seiner Innenpolitik zugestanden, die sich regelmäßig mit Phasen brutaler Unterdrückung abwechselten.

Judenverfolgung

Eingangstor eines jüdischen Ghettos im Großdeutschen Reich, 1943

In der Judenpolitik setzte die neue Reichsleitung den Kurs Hitlers in weiten Teilen ungebrochen fort. Auch nach 1939 folgten weitere Maßnahmen gegen die im Reich verbliebenen Juden, wie die Aushöhlung des Rechtsschutzes, die fortschreitende Ghettoisierung und die Enteignung von Privatvermögen. Die Volkszählung am 17. Mai sicherte personenbezogene Daten zur Auswertung und anschließenden Erstellung einer "Judenkartei". Mit der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" wurd eine staatlich kontrollierte jüdische Einheitsgemeinde öffentlichen Rechts geschaffen. Mehr und mehr wurden die Juden auf Betreiben Görings in eigenen Stadtvierteln (Ghettos) angesiedelt und so vollends von der übrigen Bevölkerung separiert. Derweil förderte das Regime weiter die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung. So konnten im Sommer 1939 etwa 10.000 Juden von Emden und Hamburg aus Deutschland verlassen und nach Palästina übersiedeln. Durch das Ha'avara-Abkommen mit den jüdischen Behörden in Palästina konnten diese Bevölkerungstransfers beiderseitig abgesichert und die zur Ausreise notwedige Reichsfluchtsteuer aufgebracht werden, obgleich das Abkommen innerjüdisch massiver Kritik ausgesetzt war und die Verantwortlichen um David Ben-Gurion sich den Vorwurf des "Verrats am Weltjudentum" gefallen lassen mussten. Im August 1945 erklärte Reinhard Heydrich, der Leiter der "Reichszentrale für jüdische Auswanderung", das Großdeutsche Reich offiziell für "judenfrei".

Wirtschaftspolitik

Die "Reichswerke Hermann Göring" in Salzgitter, gegründet zur Verarbeitung minderwertigen Eisenerzes

Diese bevölkerungspolitischen Abkommen wurden in vielen Fällen auch durch bilaterale Handelsverträge im Clearing-System flankiert, die Wirtschaftsminister Funk aushandelte, um den Warenhandel - und dabei vor allem die Rohstoffimporte des Reiches - von Devisen unabhängiger zu machen. Dies war angesichts der bedrohlich fragilen Situation der deutschen Volkswirtschaft auch dringend nötig. Hitler hatte im Jahr 1936 ein großangelegtes Programm, den sogenannten Vierjahresplan, auf den Weg gebracht, um gleichermaßen Deutschlands Kampfbereitschaft wie auch einen möglichst hohen Grad an Autarkie für die deutsche Wirtschaft zu erreichen. Bis 1940 hatten diese Pläne nicht nur eine beispiellose Aufrüstung erlaubt, sondern auch tatsächlich in einigen Bereichen wie z.B. Erzen und Legierungen, Nahrungsmitteln und Baustoffen einen hohen Grad an Autarkie tatsächlich herstellen können. In anderen Feldern, so vor allem bei der Versorgung mit Öl und Gas, blieb das Großdeutsche Reich aber weiterhin massiv von Importen abhängig. Die Forschung auf dem Gebiet der synthetischen Ersatzkraftstoffe erwies sich auch weiterhin als fruchtlos. So wurden in der Folge auch die Versuche intensiviert, zusätzliche Ölfelder auf deutschem Boden bzw. in deutschen Hoheitsgewässern zu finden. Insbesondere in der Nordsee fanden umfangreiche Probebohrungen statt, die vor allem im Holsteinischen Wattenmeer Bestände zutage förderten. So konnte das Fördervolumen in den folgenden Jahren zwar signifikant gesteigert werden, hielt aber mit der Entwicklung des Bedarfs nicht ansatzweise Schritt. Dies sollte sich in dem Moment als Fatal erweisen, in dem die letzten - nur durch die Annexion Österreichs und der Tschechei noch einmal kurzfristig gestreckten - Devisenreserven des Reiches aufgebraucht waren. Schon seit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft gab das Reich deutlich mehr Geld aus, als es einnahm. Die staatlich regulierte Preisfestlegung für inländische Produkte verschleierte allerdings über lange Strecken weitgehend effektiv den Zustand der innerdeutschen Finanzwirtschaft.

Staatsbankrott und Volksaufstand

Zu Beginn der 40er Jahre hin wurde die finanzielle Situation des Reiches jedoch trotz aller Bemühungen der Reichsregierung immer bedrohlicher. Neue Devisenreserven waren praktisch nicht mehr zu erhalten, die Ausfuhren gingen durch internationale Boykotte stetig zurück und die Versorgung mit für die Wirtschaft dringend benötigten Rohstoffen stockte. Auch die Versorgung mit Grundbedarfsgütern gestaltete sich immer schwieriger. Dem Reich stand der finanzielle Kollaps bevor. Der internationalen Zahlungsunfähigkeit wiederum hätte den Zusammenbruch der Volkswirtschaft, eine Hyperinflation und eine Versorgungskrise zur Folge gehabt. Den größten Anteil an der Krise hatte jedoch die weitgehende Abkoppelung der deutschen Inlandswirtschaft vom Weltmarkt durch Preisfestlegungen und eine "verdeckte Staatsverschuldung", die sich aus Papieren einer Strohfirma ohne Gegenwert generierte und damit den unvermeidlichen Kollaps der Reichsmark immer weiter hinauszögerte. Als Wirtschaftsminister Walther Funk schließlich Anfang 1939 erklärte, die Rückzahlung dieser Wertpapier-Anleihen zu verweigern und Hitler die Reichsbank zur unbegrenzten Kreditvergabe an das Reich zwang, wurde die Rückkehr an den Weltmarkt ohne zeitgleichen Zusammenbruch der Reichsmark völlig unmöglich.

Der Weg in den Volksaufstand

Verhaftung streikender Arbeiter, Oktober 1940

Seit dem Herbst 1940 führte der chronische Rohstoffmangel in der Privatwirtschaft immer wieder zu Produktionsstillständen in den Fabriken. Um Entlassungen zu vermeiden, beförderte die Reichsregierung den exzessiven Einsatz von Kurzarbeit, also einer außerordentlichen Reduzierung der regelmäßigen Arbeitszeit unter Beihilfe des Staates. Das von der Reichsregierung ausgezahlte Kurzarbeitergeld, das den Lohnverlust der Arbeiter ersetzen sollte, fing den finanziellen Schaden jedoch nicht ansatzweise auf. Waren in der Anfangszeit die Einsätze von Kurzarbeit noch punktuell erfolgt, entwickelten sie sich bis 1942 jedoch immer mehr zum Dauerzustand, der de facto eine katastrophale Lohnkürzung für die Arbeiter bedeutete. Mit zunehmender Häufigkeit legten die Arbeiter in den Betrieben daher die Arbeit nieder und streikten gegen den Einsatz der Kurzarbeit, dies in einigen Fällen sogar auf Betreiben oder wenigstens mit ausdrücklicher Billigung der öftlichen DAF-Funktionäre. Mit zunehmender Popularität der Streikbewegung gab auch DAF-Führer Robert Ley seine Zurückhaltung immer mehr auf und solidarisierte sich offen mit den Arbeitern in den Betrieben. Die Gestapo ging hart gegen die Streikenden vor und viele wurden wegen subversiver, staatsgefährdender Aktivitäten verhaftet. Derweil konnten die Ausfälle in der Belegschaft bis zum Sommer 1941 zumindest kurzfristig noch durch die Zuweisung von Zwangsarbeitern oder Batallionen des Reichsarbeitsdienstes, die sich die Reichsregierung von den Unternehmen teuer bezahlen ließ, aufgefangen werden, doch wurde dadurch die Ursache der Proteste nicht wirklich behoben.

Protest gegen die Lebensmittelrationierungen im Düsseldorfer Hofgarten, März 1941

Darüber hinaus verschlechterte sich die Versorgungslage der Bevölkerung immer weiter. Zum Winter 1941 mussten erstmals seit dem Weltkrieg wieder Bezugsscheine für zahlreiche Güter des täglichen Bedarfs ausgegeben werden, ein Vorgehen, das Göring unter allen Umständen hatte vermeiden wollen. Die Rationierung machte endlich auch den Letzten klar, dass das Reich sich in einer schweren Krise befand. Die Reichsregierung beschwor als Reaktion auf die wachsende Unruhe im Volk den heroischen Kampf der Volksgemeinschaft gegen den ihr von auswärtigen Mächten aufgezwungenen Hungerkrieg. Wiederholt griff Göring Großbritannien und die Vereinigten Staaten an, die durch Boykottkampagnen und Lügenpropaganda dem internationalen Ansehen des Großdeutschen Reiches schweren Schaden zugefügt und "dem deutschen Arbeiter das Werkzeug aus der Hand geschlagen" hätten. Die Versorgungskrise sei also im Wesentlichen das Ergebnis der internationalen Isolation Großdeutschlands und nicht auf Misswirtschaft des Regimes zurückzuführen. Eine nationale oder gar antibritische Stimmung konnte dadurch nur begrenzt angeheizt werden. Vielen Arbeitern war - wie auch den Vertretern der Großindustrie - klar, dass der Rohstoffmangel und der Devisenbankrott maßgeblich durch die hohen Rüstungsausgaben verursacht waren. Was in der Bevölkerung allerdings keine Berücksichtigung fand war die Tatsache, dass die Krise nicht etwa durch eine Unfähigkeit der neuen Reichsregierung, die Ziele Hitlers zu erreichen, verursacht wurde, sondern ein direktes Ergebnis der Wirtschaftspolitik war, die Hitler selbst diktiert hatte. Göring als Verantwortlicher für den Vierjahresplan galt als Architekt der gescheiterten Autarkiepolitik, war jedoch selbst vor allem Befehlsempfänger gewesen. So führte der Unmut im Volk zwar zu einer Distanzierung von der Reichsregierung, dieser folgte aber keine Distanzierung von Kerninhalten des Nationalsozialismus oder dem Personenkult um den "Erzmärtyrer des Deutschen Volkes" Adolf Hitler. Im Gegenteil erlebte der Satz "Wenn das der Führer wüsste..." bzw. "Wenn das der Führer hätte erleben müssen..." eine neue Hochkonjunktur.

Demonstration gegen die Rüstungspolitik des Reiches, Sommer 1942

In den folgenden Monaten bis Mitte 1942 begannen die Proteste allmählich, sich auf breitere Schichten des Volkes auszuweiten und sich verstärkt auch gegen die horrenden Militärausgaben und die damit verbundene Bündelung wirtschaftlicher Ressourcen in den Händen der Wehrmacht zu richten. Unter dem Leitspruch "Butter statt Kanonen! Mehr Lohn statt Divisionen!" demonstrierten die Arbeiter nun zunehmend für eine Umverteilung von Geldern und Rohstoffen zugunsten der Privatwirtschaft. Immer öfter solidarisierten sich jetzt auch andere Gruppen wie die Kirchen und Teile des Beamtenapparates oder der Polizei mit den Demonstranten. Bei einigen Gelgenheiten weigerte sich die von den den Stadtoberen angeforderte Schutzpolizei gar, illegale Demonstrationen aufzulösen. Je mehr die Proteste sich ausweiteten, desto weniger waren die unteren Staatsorgane gewillt, drastische Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um nicht unwillentlich zu einer Eskalation beizutragen. Dies wiederum ermutigte zunehmend die Demonstranten. Demgegenüber reagierte die Reichsregierung so gut sie konnte auf die Forderungen und bereits 1941 wurden erste Rüstungsprojekte, vor allem solche der Kriegsmarine, auf Eis gelegt. Das betraf neben den Großkampfschiffen auch die Flugzeugträger, von denen sich zwei bereits im Bau befanden. Während die Graf Zeppelin noch fertiggestellt wurde, wurde der unfertige Rumpf ihres Schwesterschiffes wieder abgebrochen. Auch bei den Großkampfschiffen erlebten lediglich die Bismarck und die Tirpitz ihren Stapellauf.

Der Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen im Kardinalsornat, 1946

Immer wieder flammten auch inhaltliche Proteste gegen die Politik der Reichsregierung auf. Diese richteten sich gegen einzelne Maßnahmen, die als ethisch und moralisch fragwürdig galten. So protestierte der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen im Verlaufe des Jahres 1941 mehrfach in seinen Predigten gegen das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten, das die gezielte Tötung von Behinderten zum Inhalt hatte. Seine Predigten verbreiteten sich in Abschriften rasant und führten dazu, dass die Aktion T4, wie das Euthanasieprogramm im NS-Verwaltungssprech hieß, zunächst abgebrochen werden musste. Teile der Reichsführung forderten, Galen zu hängen oder wenigstens zu verhaften. Aus Sorge vor Unruhen in der Bevölkerung ließ man ihn jedoch unbehelligt. Stattdessen wurde die Druckerei verstaatlicht, die seine Schriften vervielfältigt hatte, und mehrere katholische Zeitungen verboten.

Am 13. Januar 1943 führte eine Rede des Gauleiters Paul Giesler bei der 470-Jahr-Feier der Münchner Universität zu tumultartigen Protesten. Er beschimpfte Studentinnen, sich herumzutreiben. Sie sollten stattdessen „dem Reichsmarschall ein Kind schenken“, er werde auch seine Adjutanten zu dem Zweck vorbeischicken. Von Studenten wurde der Angetrunkene aus dem Raum gedrängt. Protestierende Studentinnen wurden im Anschluss festgenommen.

Wenngleich Proteste dieser Art lokale Phänomene blieben, zeigte sich doch mehr und mehr, dass die Zivilgesellschaft grundsätzlich über Möglichkeiten verfügte, sich Gehör zu verschaffen. Zur Bildung einer regelrechten Widerstandsbewegung reichten diese Ansätze allerdings für lange Zeit nicht aus. Eine Mischung aus Furcht und Behäbigkeit erhielt den Nationalsozialisten in den Jahren zwischen 1939 und 1943 zunächst noch ihre absolute Macht im Staate. Die Ideologische Klammer aber, die der Nationalsozialismus unter Hitler dargestellt hatte, war längst überdehnt. Die Partei als Trägerin der Bewegung beschränkte sich zum Großteil auf die Verwaltung des Status Quo. Zu einer selbstständigen Politik war ihr Führer Rudolf Hess schon seit langem nicht mehr fähig gewesen. De facto war er längst vom Leiter der Parteikanzlei, Martin Bormann, an den Rand gedrängt worden. Bormann wiederum gefiel sich in der Rolle eines akribischen Organisators, entwickelte jedoch wenige eigene Ideen. So war die Partei als nennenswerter Machtfaktor weitestgehend ausgefallen, was dem Einzelkämpfer Göring nicht ungelegen kam. An der Stelle der harten Hand Hitlers hatte sie sich einer Kakophonie sehr heterogener und häufig gegensätzlicher Denkmodelle ergeben, die sich um Parteiposten stritten und auf Parteiversammlungen gegeneinander anschrien.

Protestkundgebung in Berlin, Februar 1943

Seit dem Herbst 1942 begann sich zaghaft eine außerparlamentarische Opposition gegen die Reichsregierung und die NSDAP zu bilden. Die Bevölkerung wurde in der Artikulation ihrer Forderungen nach und nach selbstbewusster - auch befördert durch die verhältnismäßig scheuen Reaktionen der Staatsorgane - und scheute bald auch nicht mehr vor Repressalien zurück. Unter dem Radar entstanden Gesprächskreise und Aktionsgruppen, die ein breites Spektrum politischer Positionen abdeckten. Insbesondere die Kirchen wurden zum Sammelbecken der oppositionellen Kräfte, da sie vielfach den Freiraum boten, der durch die gleichgeschalteten Massenorganisationen geraubt worden war. Zu Wortführern der Proteste wurden schnell die beiden populären ehemaligen Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler (Leipzig) und Konrad Adenauer (Köln).

Der Volksaufstand vom 9. November 1943

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Am Nachmittag des geschichtsträchtigen 9. November 1943, dem 20. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Putsches in München, eskalierte endgültig von beiden Seiten aus die Gewalt, nachdem sich bereits im Verlaufe des Tages immer wieder Demonstrationen formiert hatte. Die zunächst gewaltlosen Proteste begannen im Verlaufe des Tages zunehmend zu eskalieren und immer öfter kam es zu Vandalismus und gezielten Aktionen gegen Einrichtungen der Gestapo, der SS oder der NSDAP. Mit Straßensperren, Ausgangskontrollen und Blockaden vor Betrieben und Verwaltungsgebäuden versuchte die Polizei, den Volkszorn zu bändigen. Die Gestapo ging brutal gegen die Rädelsführer vor, doch der Sturm der Entrüstung wurde dadurch nur noch mehr angefacht. Der Radikalisierung der Proteste folgte eine ebenso starke Mobilisierung der Bevökerung. Auch vonseiten der Polizei und der SS verschärfte sich bald die Gangart.

Das von Demonstranten in Brand gesteckte Columbushaus am Potsdamer Platz in Berlin

In München versuchte derweil eine Menschenkette, den traditionellen Marsch der Reichs- und Parteiführung zur Feldherrnhalle zu unterbrechen und skandierte dabei zum Teil auch demokratische und liberale Parolen. Bei Zusammenstößen zwischen den Teilnehmenden des Gedenkmarsches und Gegendemonstranten kam es vonseiten der SS zu ersten gezielten Erschießungen. Sobald die Nachricht von diesem Zwischenfall reichsweit die Runde machte, wuchs sich dieser Protest zu einem unkoordinierten Aufstand aus. In Berlin steckten Randalierer das Columbushaus am Potsdamer Platz in Berlin in Brand, in dem seit 1941 die Zentrale des Euthanasieprogramms untergebracht war. Die Demonstrationen richteten sich nun endgültig offen gegen die Regierung als Ganze und immer wieder tauchten regierungsfeindliche Transparente auf. Bisweilen wurde nun sogar unumwunden zum Sturz des Regimes aufgerufen. Oppositionelle Gruppen stellten ihre Forderungen an einen Neuaufbau des Reiches öffentlich vor den Demonstranten vor und wagten sich so aus der schützenden Deckung.

Erschießung von Aufständischen im Reichsgau Weser-Ems, 10. November 1943

Reichsmarschall Göring, der sich von dieser Entwicklung gleichermaßen schockiert wie gelähmt zeigte, zögerte zunächst, den von einigen Vertretern des Geheimen Kabinettsrates geforderten Ausnahmezustand zu verhängen und das Militär zur Befriedung der Lage einzusetzen. Am Abend des 9. November gab Göring dem Drängen schließlich nach und erteilte der Wehrmacht den Befehl, den Volksaufstand im Großdeutschen Reich niederzuschlagen und dabei jeden, der sich der Reichsregierung wiedersetzte, als Volksfeind zu betrachten und ohne Verfahren zu erschießen. Panzer und Soldaten rückten in die Städte ein und trieben die Aufständischen auseinander. Diese versuchten, sich mit Stöcken und Steinen zur Wehr zu setzen, konnten aber gegen die rohe Gewalt der Staatsmacht nichts ausrichten. An zahlreichen Orten kam es zu regelrechten Massakern an der Zivilbevölkerung. Auch auf dem Land, wo die Wehrmacht erst nach und nach flächendeckend präsent werden konnte, wurde keine Gnade gezeigt. Wer sich der Armee widersetzte oder als Sympathisant der Aufständischen denunziert wurde, wurde standrechtlich erschossen.

Carl Friedrich Goerdeler bei seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof, Dezember 1943

Berichte von diesen Gräueltaten wurden im Ausland mit Bestürzung aufgenommen. Auch der Völkerbund verurteilte die unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt gegen die eigene Zivilbevölkerung. Offizielle Stellen vermerkten reichsweit 1318 Todesopfer, inoffizielle Schätzungen gehen von bis zu 3000 Toten des Volksaufstands und der anschließenden Prozesse vor dem Volksgerichtshof aus. Deren prominentester wurde gegen Carl Friedrich Goerdeler geführt, der schließlich wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und in der JVA Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Unterstützer der Proteste sowie weitere Gegner des Regimes, die sich währenddessen bedeckt gehalten hatten, wurden von der Gestapo in die Konzentrationslager verbracht. Die zaghaft aufgebaute außerparlamentarische Opposition wurde in weiten Teilen zerschlagen.

Konsolidierter Nationalsozialismus und "bleierne Zeit" (1943-1965)

Mit der Niederschlagung des Volksaufstands hatte Göring zwar seine Beliebtheit beim Volk verspielt, jedoch seine unangefochtene Macht im Reich langfristig gesichert. In den restlichen 22 Jahren seiner Herrschaft stützte Göring seine Position maßgeblich auf das Militär und die Gestapo. Die NSDAP war zwar nach wie vor nominelle Staatspartei und der Nationalsozialismus nominelle Staatsdoktrin, doch erlangten beide nie wieder die zentrale Stellung, die sie unter Hitler eingenommen hatten. Dies lag nicht zuletzt darin begründet, dass Göring es verstand, Partei, Militär, Reichstag und Reichsregierung bei Bedarf gegeneinander auszuspielen.

Schema der Grenzanlagen in einem modernen Schulbuch

Die Verschärfung der Situation nach dem gescheiterten Volksaufstand trieb viele Deutsche zur Flucht ins Ausland. Göring begegnete dem mit dem Aufbau eines Reichsgrenzschutzes sowie der hermetischen Abriegelung der Außengrenzen des Großdeutschen Reiches durch Mauern, Stacheldraht, Wachtürme und Minenfelder. An der Grenze wurde Schießbefehl erteilt und der Straftatbstand der Reichsflucht geschaffen. Wer bei der Flucht aufgegriffen wurde, dem drohten langjährige Haftstrafen in Konzentrations- bzw. Umerziehungslagern. Im Laufe der folgenden Jahre versuchten dennoch tausende Menschen, das Reich auf unterschiedlichsten Wegen zu verlassen. Die meisten scheiterten an den peniblen Sicherheitsvorkehrungen oder den Grenzwächtern. Etwa 200-400 Personen starben bei dem Versuch, die Grenze zu überwinden, teils durch Schusswunden, teils durch detonierende Tretminen im Todesstreifen. Ihr Vermögen wurde vom Staat konfiziert und die Angehörigen aller vermögensrechtlichen Ansprüche inklusive der Witwen- und Waisenrente beraubt. Nicht selten wurden die Angehörigen von Reichsflüchtlingen sozial geächtet.

Das gesellschaftliche Klima gestaltete sich in den Folgejahren erdrückend beengt. Ein Ausbrechen aus dem NS-System war kaum noch möglich, wenngleich sich die wirtschaftlichen Zustände während der 60er Jahre langsam zu verbessern begannen und durch die Einbeziehung des Großdeutschen Reiches in den von den Vereinigten Staaten angestrebten antikommunistischen Block auch wieder ausländisches Kapital nach Mitteleuropa floss.

Bildung des Infrastrukturministeriums unter Albert Speer

Albert Speer, seit 1949 Infrastrukturminister und seit 1962 Leitender Reichsminister

Im januar 1949 verkündete Göring die Ernennung von Albert Speer zum Reichsminister für Infrastruktur und Ressourcenbewirtschaftung in der Nachfolge von Fritz Todt, der die Wirtschafts- und Versorgungskrise nicht hatte lösen können und dafür öffentlich in der Kritik stand. Todt blieben die Leitung seines Bautrupps und eine Reihe von Posten außerhalb des Infrastrukturministeriums. Aus der Reichsregierung schied er aber aus. Albert Speer sollte es fortan obliegen, die deutsche Wirtschaft durch eine effektive Steuerung aus der Krise herauszuführen. Er übernahm in seinem Ministerium die umfassende Kontrolle über das gesamte Post- und Fernmeldewesen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Straßenbau, Eisenbahn, Ressourcenverteilung innerhalb der Wirtschaft, Energie- und Wasserversorgung sowie die Kriegsrüstung. Die Ministerien für Post, Verkehr und Landwirtschaft sowie wesentliche Teilgebiete des Innen-, des Arbeits- und des Wirtschaftsministeriums gingen in dieser neuen Superbehörde auf.

Albert Speer war als "Hofarchitekt" Adolf Hitlers in den 1930er Jahren zum prominenten Aushängeschild des Nationalsozialismus aufgestiegen. Seit 1937 leitete er hauptverantwortlich die Bauprogramme in mehreren von Hitler zu "Kultstätten der Bewegung" ausersehenen Städten, darunter Berlin, Nürnberg, München und Hitlers Heimatstadt Linz. Seit 1941 war er Staatssekretär im von Fritz Todt geleiteten Reichsministerium für Verkehr, Bau und Raumordnung. Speer hatte durch seine monumentalen Prachtbauten dem Volk seit dem Beginn der 1940er Jahre also im wahrsten Sinne omnipräsent vor Augen gestanden. Er verkörperte geradezu den großdeutschen Nationalstolz.

Albert Speer während seiner Antrittsrede, 3. Februar 1949

Speer kündigte in seiner ersten öffentlichen Erklärung im Februar 1949 eine Rückbesinnung auf den "deutschen Forscher- und Erfindergeist" und die "Schaffenskraft des deutschen Arbeiters" an, die wesentliche Garanten des zukünftigen Wirtschaftsaufschwungs sein würden. Privatinitiative solle stärker unterstützt und innovative Produkte vom Reich besonders gefördert werden. Damit verstärkten sich auch die Investitionen in das Fernsehen, das er, wie auch der ehemalige Propagandaminister Goebbels, früh als Zukunftstechnologie erkannt hatte, in die Raketentechnik (insbesondere die Entwicklung von ballistischen Mittelstreckenraketen und später der ersten Interkontinentalraketen) oder die Atomkraft, deren grundsätzliche Eignung zur Energieerzeugung bereits belegt worden war. Auch andere Branchen, insbesondere die Automobilindustrie, wurden kräftig angekurbelt, vor allem auch, da man sich durch den massenhaften Absatz von Autos, Radiogeräten und perspektivisch auch Fernsehern einen kräftigen Anstieg des Exportvolumens versprach, das wiederum die Devisenreserven stabilisiert hätte. Die Rohstoffe wurden entsprechend dieser neuen Zielvorgaben umgelenkt und dadurch notwendigerweise auch eine weitere massive Drosselung der Rüstungsproduktion bewirkt. Das Militär nahm diese Einschränkungen zunächst im Wesentlichen zähneknirschend hin, musste aber bald einsehen, dass durch die effektive Steuerung Speers im Endeffekt auch in den Werften und Panzerfabriken die Grundstoffe schlussendlich zuverlässiger und - was viel entscheidender war - im richtigen Mengenverhältnis eintrafen.

Minister Speer führt Reichsmarschall Göring über die Baustelle eines neuen Monumentalbaus, Mai 1950

Durch die Maßnahmen Speers konnte die bislang erschreckend ineffektive Rohstoffwirtschaft generalstabsmäßig organisiert und dadurch deutlich effektiver gestaltet werden. Die Privatwirtschaft erhielt Ressourcen und neue Aufträge vom Reich, insbesondere natürlich vom Infrastrukturministerium selbst, und nach und nach konnten die Einschränkungen und Hürden im Wirtschaftsleben, die in den letzten Jahren entstanden waren, zurückgefahren werden. Bis 1960 konnte die inländische Preisregulierung schrittweise aufgehoben werden, was zwar einen nicht unerheblichen Wertverlust der Reichsmark mit sich brachte, aber zugleich auch einen förderlichen Effekt auf das Engagement der Gewerbetreibenden hatte, da sie nun ohne Kartellzwang wieder in Konkurrenz zueinander treten konnten. Es stellte sich ein profundes wirtschaftliches Wachstum ein, das Speer erfolgreich als Ergebnis seiner harten verwalterischen Tätigkeit und seines rastlosen Einsatzes präsentieren konnte. Tatsächlich förderten die Maßnahmen der Reichsregierung die wirtschaftliche Erholung in erheblichem Maße, doch die zentrale Weichenstellung für das "Wirtschaftswunder" erfolgte in der Außenpolitik, wo die Vereinigten Staaten nach dem Sieg über Japan im Pazifikkrieg und dem Beginn des Kalten Krieges mit der Sowjetunion versuchten, Europa für eine geschlossene antikommunistische Front zu gewinnen und diese Initiative vom Großdeutschen Reich dankbar aufgenommen wurde.

Wirtschaft und Gesellschaft der 50er Jahre

Logo der Tagesschau seit 1952

Wirtschaftlich ging es also zum Ende der 1950er Jahre endlich wieder aufwärts. Dies zeigte sich nicht nur im massiven Zuwachs bei den privaten Kraftfahrzeugen, sondern auch bei der Verbreitung der Massenmedien Radio und Fernsehen. Nachdem mit dem Volksempfänger jeder Deutsche mit einem Radiogerät ausgestattet worden war, folgte nun die flächendeckende Versorgung mit Fernsehgeräten, mit denen seit Mitte der 40er Jahre Versuchsreihen liefen. Am 4. Januar 1952 wurde die erste Sendung der Tagesschau ausgestrahlt, die nach und nach die im Vorprogramm der Kinos gezeigte Wochenschau verdrängte, bis diese 1970 endgültig eingestellt wurde. Fernsehen und Radio wurden beide von einem einheitlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem Großdeutschen Rundfunk, betrieben, dessen Infrastruktur in Speers Ministerium angesiedelt war. Daneben gab es mittlerweile einige lokale Radiosender.

In Kunst und Literatur setzte eine intensive Phase der Auseinandersetzung mit der Regierungszeit Hitlers ein, die im Kontrast zur bleiernen Zeit der späteren Göring-Jahre mystifiziert wurde, ohne indes direkten Bezug auf diese zu nehmen. Adolf Hitler blieb der unngefochtene Nationalheld und Liebling der Deutschen. Die offizielle Biographie über den Führer und Reichskanzler wurde ebenso ein Bestseller wie die Biographien über Otto von Bismarck, Paul von Hindenburg, Friedrich II. von Preußen und andere prominente Gestalten der deutschen Geschichte. Parallel zur Entwicklung des amerikanischen "Sandalenfilms" entstanden in den großdeutschen UFA-Filmstudios monumentale Historien-Epen wie Hermann der Cherusker (1954), Der Löwe von Braunschweig (1955), Otto - Speerspitze des Deutschen Reiches (1956), Barbarossa (1958), Radboud (1960) und Der Niedersachse (1961) über den Sachsenherzog Widukind. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung bildete das 1963 vollende Schlachtengemälde Türken vor Wien, das von der Ersten Wiener Türkenbelagerung 1529 handelte. Nicht zuletzt sollten diese aufwändig inszenierten und pompösen Dramen das deutsche Nationalgefühl und die Identifikation mit der eigenen, stets von auswärtigen Feinden bedrohten Nation stärken, wozu sie durch ihre monokausale Erzählstruktur und Emotionalisierung in der Folge entscheidend beitrugen.

Einen prägenden Einfluss insbesondere auf die Jugend entwickelte demgegenüber der Rock'n'Roll, der als Protestkultur aus den Vereinigten Staaten nach Europa kam und auch in den Untergrundclubs der deutschen Großstädte kursierte. Wie schon bei der Swing-Jugend, deren Nachfolge der Rock'n'Roll in Teilen antrat, blieben die staatlichen Repressionsmaßnahmen gegen die "obszöne Negermusik" in ihrer Wirkung beschränkt. Ein gesamtstaatliches Verbot gab es nicht und auf lokaler Ebene hing viel von der Einstellung der örtlichen Behörden ab. In Metropolen wie Berlin waren die Maßnahmen ohnehin nicht effektiv durchzusetzen.

Außenpolitik

Reichsmarschall Göring bei seinem Staatsbesuch in den USA vor einer texanischen Flagge, Sommer 1959

Die positive Grundstimmung im Inland korrespondierte mit einer neuen Aufgeschlossenheit im kapitalistischen Westen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, wo man händeringend versuchte, sämtliche potenziellen Partner in Europa für ein antikommunistisches Bündnis zu umgarnen. Das Großdeutsche Reich spielte in diesen Überlegungen als "Herz Europas" eine zentrale Rolle, zumal es bereits seit den 30er Jahren sein eigenes antikommunistisches Bündnis betrieb. Mit Präsident Joseph Kennedy Jr. wurde schließlich 1959 in Washington ein gegenseitiger Beistandspakt für den Fall eines sowjetischen Angriffs in Europa oder Asien geschlossen. Hermann Göring reiste dafür als erstes deutsches Staatsoberhaupt überhaupt zu einem offiziellen Staatsbesuch nach Amerika. Dieser Annäherung folgte schließlich auch eine Entspannung der immer noch angeschlagenen deutsch-britischen Beziehungen. Es folgte eine weitere Intensivierung des Wettrüstens, das ohnehin zwischen den kapitalistischen, faschistischen und kommunistischen Machtblöcken bereits seit einiger Zeit im Gange war. Verstärkt wurden dabei auch Forderungen nach dem Aufbau eines großen deutschen Kernwaffenarsenals laut, das mittels ballistischer Mittelstreckenraketen Ziele in der Sowjetunion erreichen können sollte.

Demonstration gegen die atomare Bewaffnung der Wehrmacht, Winter 1956/57

Gegen die atomare Aufrüstung des Großdeutschen Reiches regte sich allerdings in der Bevölkerung Widerstand, der nicht nur von der einfachen Bevölkerung oder pazifistisch orientierten Gruppen ausging, sondern darüber hinaus auch von Wissenschaftlern wie dem Physiker Otto Hahn, der zuvor selbst maßgeblich am deutschen Kernwaffenprogramm beteiligt gewesen war. Auch Wernher von Braun, der Schöpfer des deutschen Raketenprogramms, sprach sich gegen eine Verwendung seiner Raketen für die Beförderung atomarer Sprengköpfe aus. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen schnellte angesichts der Aussicht, in einen apokalyptischen Atomkrieg verwickelt zu werden, in die Höhe, sodass die Gerichte alle Hände voll zu tun hatten, die entsprechenden Strafverfahren zu führen. Letztlich konnten sich diese Stimmen aber nicht gegen die Protagonisten des Antikommunismus durchsetzen, denen es galt, die Sowjets mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in die Schranken zu weisen und aus Europa fernzuhalten. Ein wesentliches Ergebnis der Proteste war allerdings ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen der Reichsregierung und den Protagonisten der Friedensbewegung, eine mehr oder weniger legale Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung zu schaffen, indemKriegsdienstverweigerer nicht mehr mit Haftstrafen, sondern mit einer zeitlich befristeten Überstellung an die Organisation Todt "bestraft" werden sollten. Damit war der neue Typus des Bausoldaten geschaffen, der militärische Vorarbeiten und Hilfsdienste - insbesondere die Anlage von Befestigungen - verrichtete, aber nicht in Kämpfen eingesetzt wurde. Auch wurden die Bausoldaten bisweilen als Streikbrechertruppe in bestreikte Betriebe entsandt. Im Großen und Ganzen wurde diese neue Linie akzeptiert, wenngleich einige Hardliner in der NSDAP dadurch die "umfassende Wehrhaftigkeit des gesamten Volkes" bedroht sahen.

Entwicklung innerhalb der NS-Führung

Nach der Amtsübernahme Hermann Görings war der Einfluss der Partei auf den Staat schrittweise zurückgefahren worden. Zwar hatte sie immer noch wesentliche Mitspracherechte bei der Besetzung von Posten auf kommunaler Ebene und stellte in Personalunion durch ihre Gauleiter auch die Reichsstatthalter der Reichsgaue, doch führte dies mehr zu einer Verstaatlichung der Partei als zu einer Kontrolle des Staates durch die Partei. Sie diente im wesentlichen als Rekrutierungsreservoir und Kulturträger. Die schon 1943 in Reichsjugend umbenannte Hitlerjugend ähnelte mittlerweile eher den früheren Pfadfindergruppen und führte die Kinder und Jugendlichen an Selbstständigkeit, Naturverbundenheit und Sport heran. Die Anstalt Kraft durch Freude hatte sich zum internationalen Reiseveranstalter entwickelt und vermittelte sowohl Auslandsreisen für Deutsche als auch Deutschlandreisen für Ausländer.

Blick auf das Regierungsviertel in Berlin, zentral im Bild die Große Halle hinter dem wiederaufgebauten Reichstag, circa 1960

Der Nationalsozialismus stand der Bevölkerung nun abgesehen von den allgegenwärtigen Hakenkreuzflaggen insbesondere durch die zahlreichen Monumentalbauten vor Augen, die Albert Speer noch auf Weisung Hitlers und nach dessen Planungen verwirklicht hatte. Insbesondere die Große Halle in Berlin sowie die umliegenden Regierungsgebäude und der monumentale Südbahnhof wurden zum Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Deutschland wurde insbesondere für Amerikaner ein beliebtes Reiseziel. Der von Ferdinand Porsche entworfene Volkswagen wurde derweil zum Exportschlager.

Die Besetzung der Führungsriege des Regimes hatte sich in den Jahren unter Göring massiv gewandelt. Nachdem er 1949 Albert Speer mit seinem "Super-Ministerium" zum zweitmächtigsten Mann im Reich gemacht und ihm schlussendlich seit Ende der 1950er Jahre das tagespolitische Geschäft der Regierungsleitung gänzlich übergeben hatte, zog der Reichsmarschall sich mehr und mehr ins Privatleben zurück, empfing auf seinem Landsitz Carinhall ausländische Staatsgäste zur Jagd und füllte ansonsten vor allem die repräsentativen Aufgaben eines Staatsoberhaupts aus. Unter Speer etablierte sich ein vornehmlich von Technokraten gesteuertes System, das mit dem ideologisch fundierten Nationalsozialismus Hitlers immer weniger Berührungspunkte hatte.

Karl Dönitz und die Geistig-Moralische Wende

Großadmiral Karl Dönitz, Reichsoberhaupt seit 1962

Am 22. Februar 1962 starb Reichsmarschall Hermann Göring schließlich nach 23 Jahren an der Macht nach längerer Krankheit an Leber- und Nierenversagen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit einiger Zeit nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten und hatte auch seine repräsentativen Aufgaben mehr und mehr delegiert. Gemäß den Möglichkeiten der Nationalsozialistischen Reichsverfassung des Großdeutschen Reiches von 1943 hatte er bereits 1955 Großadmiral Karl Dönitz, den Oberkommandierenden der Kriegsmarine, zum Stellvertreter des Reichsoberhaupts ernannt. Dass er mit dieser Aufgabe nicht seinen Leitenden Reichsminister und de facto-Regierungschef Albert Speer betraute, hatte einerseits den Grund, dass Göring fürchtete, einem Zivilisten würde die Wehrmacht eventuell nicht mit derselben Bedingungslosigkeit folgen. Viel entscheidender war aber, dass Göring vermeiden wollte, die gesamte Machtfülle des Reichsoberhaupts an eine einzelne Person zu delegieren, die sich irgendwann gegen ihn stellen könnte. Mit Dönitz hatte er einen allseits respektierten Offizier ernannt, der in den 40er Jahren gegen seinen damaligen Vorgesetzten Erich Raeder ein Konzept des Marineaufbaus hatte durchsetzen können, das auf flexible Kreuzer-Einheiten und U-Boote setzte und die damals schon für die Militärdoktrin antiquierten Großkampfschiffe aufgab. Mit dieser mobilen Flotte hatte Dönitz es vermocht, diverse Vorstöße der Roten Flotte in die Nord- und Ostsee zu unterbinden.

Als der Großadmiral vor dem Großdeutschen Reichstag am 5. März seine Regierungserklärung hielt, kündigte er eine "geistig-moralische Wende" an, die nicht nur die "preußischen Tugenden" wieder mehr zur Geltung bringen, sondern vor allem auch einen "neuen moralischen Kompass" für die deutsche Politik definieren solle. In seiner Seemannssprache betonte er, um das Land wieder "auf Kurs" zu bringen, sei es vor allem notwendig, dass Kapitän, Offiziersstab und Mannschaft miteinander ins Gespräch kämen. Wie er diese Kurswende auszuführen gedachte, ließ Dönitz zwar weitgehend offen, doch die Bevölkerung fühlte sich dadurch frei, unzensiert und offen ihre Meinung kundzutun und sich in Interessengruppen zusammenzuschließen, die in den Dialog mit der Regierung treten könnten.

Demonstration für Pressefreiheit im Zuge dee Spiegel-Affäre, 1962

Zum ersten Mal zeigte die junge Demokratiebewegung ihr Mobilisierungspotenzial, nachdem das Magazin Der Spiegel in seiner Ausgabe vom 10. Oktober 1962 über militärische Fehlplanungen bezüglich der Verteidigungsfähigkeit gegenüber der Sowjetunion berichtet hatte. Die Informationen zu diesem Artikel kamen aus dem Generalstab des Heeres und beruhten auf der Auswertung eines gemeinsamen deutsch-amerikanischen Manövers. In der sich anschließenden Spiegel-Affäre wurde die Redaktion des Magazins von der Gestapo besetzt und der Chefredakteur Rudolf Augstein sowie weitere Redakteure wegen Landesverrats verhaftet. Massive Proteste vonseiten der Bevölkerung führten schließlich zur Einstellung des Verfahrens und zur Entlassung der Verantwortlichen im Innenministerium, allen voran Staatssekretär Franz Josef Strauß.

Polizeikräfte versperren einem Demonstrationszug den Weg, März 1963

Eine wesentliche Forderung des Neuen Forums, das sich als Dachorganisation dieser Interessengruppen gebildet hatte, war in den folgenden Monaten die nach freien Wahlen und der Aufhebung des Parteienverbots. Bis zur Reichstagswahl Anfang 1963 war davon noch nichts zu spüren, obgleich die Zensur noch einmal deutlich gelockert wurde. Die insgesamt neun unabhängigen Namenslisten kamen zusammen auf 45% der Stimmen, konnten somit aber die absolute Mehrheit der NSDAP - bedingt durch großflächige Wahlfälschungen - nicht brechen. Bereits am folgenden Tag fanden in mehreren Großstädten im gesamten Reichsgebiet die ersten Montagsdemonstrationen gegen die Reichsregierung statt, die in den folgenden Wochen und Monaten zu Massenprotesten mit mehreren Millionen Teilnehmern anschwollen.

Straßenschlacht in Berlin-Charlottenburg, September 1963

Die Reichsführung war von dieser "verwahrlosenden" Demokratiebewegung bestürzt und zugleich ratlos, wie sie auf diese Entwicklung reagieren sollte. Die Proteste entwickelten sich zwar über lange Strecken friedlich und gesittet, doch wurden die Sicherheitskräfte zunehmend unruhig. Im September 1963 kam es in Berlin-Charlottenburg schließlich zu einer Straßenschlacht zwischen Polizeikräften und Demonstranten, bei der die Einsatzkräfte u.a. mit Farbbeuteln beworfen und mit Zaunlatten geschlagen wurden. Dönitz, der sich einen geordneten, schrittweisen und vor allem weitgehend geräuschlosen Übergang von der bisherigen diktatorischen Regierungsführung zu einer vom Volk gestützten ausgemalt hatte, geriet nun in erschreckender Weise in Zugzwang, wollte er die Kontrolle nicht verlieren und die Sympathien des Volkes für seinen Kurs verspielen. Zuallererst erwirkte Dönitz eine Neuauszählung der Stimmen zur Reichstagswahl, die schließlich eine knappe Mehrheit für die Listen der Opposition erbrachte. Mit 51,3% konnten sie erstmalig seit 1933 die NSDAP hinter sich lassen. Alle neun im Reichstag vertretenen Namenslisten schlossen sich zu einer Koalition gegen die Staatspartei zusammen.

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