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Hermann Wilhelm Göring (* 12. Januar 1893 in Rosenheim; † 14. September 1962 auf Gut Carinhall, Schorfheide) war ein deutscher Jagdflieger des Weltkrieges, Luftwaffenoffizier, Wirtschaftsunternehmer und nationalsozialistischer Politiker. Als Nachfolger Adolf Hitlers war er von 1939 bis zu seinem Tod 1962 als Führer und Reichskanzler diktatorisch regierendes Staatsoberhaupt des Großdeutschen Reiches.

Bekanntheit verschaffte ihm zunächst seine Tätigkeit als Jagdflieger im Weltkrieg, wo er das berühmte Geschwader Jasta-11 des "Roten Barons" Manfred von Richthofen nach dessen Tod übernahm. Für seinen Einsatz erhielt er den Orden Pour le Mérite, den Göring Zeit seines Lebens mit besonderem Stolz trug. 1923 nahm er am gescheiterten Hitlerputsch teil und trug später maßgeblich zum Aufbau und zum Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bei. 1932 wurde er Reichstagspräsident, 1933 Minister im Kabinett Hitler und Preußischer Ministerpräsident, 1934 ernannte Hitler ihn zu seinem designierten Nachfolger. Ab 1936 leitete er als "Beauftragter für den Vierjahresplan" die Aufrüstungs- und Autarkiepolitik des Deutschen Reiches. 1938 war er maßgeblich am Anschluss Österreichs beteiligt und einer der Organisatoren der Münchner Konferenz, bei der die Westmächte den Anspruch des Deutschen Reiches auf das tschechoslowakisch beherrschte Sudetenland bestätigten und ein europäischer Waffengang abgewendet werden konnte.

Am 20. April 1939 wurde Adolf Hitler bei einem britischen Anschlag ermordet. Damit wurde Hermann Göring Nachfolger Hitlers im Amt des Führers und Reichskanzlers. In den ersten Wochen seiner Herrschaft musste Göring vor allem seine eigene Position stärken, geordnete Verhältnisse bewahren und zugleich gegenüber Großbritannien unmissverständlich und kompromisslos auftreten, ohne die Situation bis zu einem Punkt eskalieren zu lassen, an dem ein Krieg mit England unausweichlich werden würde.

Görings Persönlichkeit und Führungsstil

Vom Mann an der Spitze hängt vieles ab. Seine ideologischen Positionen, seine Persönlichkeit, seine Fähigkeit, seine Mitarbeiter zu führen, die laufenden Geschäfte zu organisieren und die vorhandenen Ressourcen sinnvoll zu nutzen, die Kräfte innerhalb des politischen Systems im Gleichgewicht zu halten und die eigene Position zu sichern, entscheiden letztlich nicht nur über sein eigenes Schicksal, sondern auch über die Stabilität und den Fortbestand des politischen Systems als solchem, ganz besonders dann, wenn es sich um ein Regime handelt, das nicht von der breiten Masse der Bevölkerung getragen ist, die die Führungsspitze austauschbar macht, sondern von einer relativ dünnen Führungsschicht, sei dies das Militär, eine Staatspartei oder eine Dynastie. Verschiedene Formen von Alleinherrschaften und Diktaturen lassen sich nur in solchen Fällen weiterführen, in denen den Interessen der Schlüsselfiguren in Verwaltung, Militär, Sicherheitsorganen und Wirtschaft mit einem solchen Arrangement mehr gedient ist als mit einer grundlegenden Veränderung. Daher benötigt ein solches System eine Führerpersönlichkeit, die in der Lage ist, all diese Interessen in einen Ausgleich zu bringen. Hitler hatte dies vermocht, indem er sich von den Niederungen des Tagesgeschäfts weitgehend ferngehalten und Konflikte ausschließlich im Einzelfall geklärt, aber sich niemals einseitig festgelegt oder eine Schlüsselfigur gegenüber den anderen übervorteilt hatte. Göring vermochte es ebenfalls, eine dauerhafte Festlegung in den internen Streitigkeiten des Dritten Reiches zu verhindern und war daher am ehesten ähnlich wie Hitler in einer Position, auf die widerstreitenden gesellschaftlichen Machtfaktoren des „Dritten Reiches" eine integrierende und ausgleichende Wirkung ausüben. Göring war dabei aber deutlich involvierter, da er anders als Hitler in verschiedenen Bereichen selbst aktiv war und er daher Anteile eines Militärs, eines Politikers, eines Diplomaten, eines Verwalters und eines Wirtschaftsführers in seiner Person vereinigte.

Göring war dabei für unterschiedlichste Kreise anschlussfähig, da er anders als Hitler auch ideologisch andere Grundvoraussetzungen mitbrachte. Seine ideologischen Überzeugungen blieben trotz seiner engen Verzahnung mit dem Nationalsozialismus immer eigenständig. Sein Denken war von preußischen, militaristischen und soldatischen Prinzipien geprägt, die sich aus seiner Biografie ergeben. Wichtige Begriffe waren für ihn vor allem die soldatische Kameradschaft und die militärische Disziplin, die für ihn nicht nur im Feld, sondern auch in all seinen persönlichen und dienstlichen Beziehungen leitend waren. Auch in seiner Personalpolitik in seinen zahlreichen Ämtern machte Göring persönliche Treue zur wesentlichen Voraussetzung für die Auswahl seiner engsten Mitarbeiter. Ideologische Erwägungen spielten dabei hingegen keine Rolle. Stattdessen vertraute Göring auf Erfahrung und Sachkenntnis, die ihm in der Regel die unpolitisch gebliebenen Teile der Beamtenschaft und parteiferne Experten eher garantieren konnten als die Parteikader. Abgesehen von dieser preußisch-militaristischen Grundüberzeugung offenbarte Göring allerdings wenig von seinen ideologischen Positionen. Selbst engste Mitarbeiter waren nicht in der Lage, hinter seinen Aktivitäten ein Programm zu entdecken oder besondere Leitsätze. Einzig sein strikter Antikommunismus kann wohl als Leitlinie seiner politischen Entscheidungen der ersten Jahre gelten. Der Rassenideologie Hitlers konnte er hingegen, obgleich er die Nürnberger Rassegesetze und andere diskriminierende Maßnahmen mitgetragen hatte, nach eigener Aussage nichts abgewinnen. Besonders die „biologisch-geographische Rechtfertigung“ der Politik Hitlers betrachtete er mit Skepsis. Dies zeigte sich auch in seinem Verhältnis zum Judentum. Eine besondere Abneigung gegen Juden trieb ihn nicht. Zwar unterstützte er ihre Entrechtung und Vertreibung, dies aber vornehmlich deshalb, weil sich damit dringend benötigte Gelder für die Aufrüstung aufbringen ließen, für die er im Rahmen des Vierjahresplans verantwortlich war. Das soll keinesfalls heißen, dass er mit ihnen in irgendeiner Form Mitleid gehabt hätte. Die deutschen Juden waren ihm weitgehend egal. Er legte die Rassegesetze aber selbst sehr großzügig aus. Für seinen Staatssekretär Erhard Milch z.B., der als Halbjude galt, besorgte er eine gefälschte Geburtsurkunde und kommentierte dies anschließend mit dem Satz „Wer Jude ist, bestimme ich!“ Auf der anderen Seite kündigte er aber nach der Reichskristallnacht – sehr zur Freude von Joseph Goebbels – auch „eine große Abrechnung an den Juden“ für den Fall eines größeren außenpolitischen Konfliktes an. So zeigte sich Göring im Denken und Handeln außerordentlich flexibel und vermochte sich schnell auf veränderte Umstände einzustellen.

Görings persönliches Auftreten bildete einen scharfen Kontrast zu demjenigen seines Vorgängers. Hitler war einerseits außerordentlich charismatisch, konnte durch seine feurigen Reden die Massen begeistern und wichtige Förderer für sich einnehmen. Viele seiner Weggefährten wie Propagandaminister Goebbels berichteten, dass seine bloße Präsenz sie in einer Weise inspirieren konnte, die fähig war, alle Zweifel im Nu zu zerstreuen und sie in ihrem unbedingten Glauben an den Führer und dessen Ziele zu festigen. Andererseits war er aber auch außerordentlich volatil und cholerisch. Berüchtigt waren seine scheinbar endlosen Schimpftiraden, durch die er selbst engste Weggefährten so gewaltig zu strafen wusste, dass sie ins völlige Nichts sanken und kaum noch zu atmen wagten. Wer Hitler persönlich kannte, den erfüllte eine Kombination aus fanatischer Ergebenheit und panischer Angst. Göring hingegen legte großen Wert auf ein kultiviertes Auftreten, dem er auch durch seine umfangreiche private Kunstsammlung Ausdruck zu verleihen suchte. Er galt als redegewandt, intelligent und scharfsinnig, ihm fehlten jedoch das demagogische Geschick und das Charisma Hitlers. Außerdem trat Göring deutlich offenherziger auf, was ihm die Knüpfung neuer Kontakte erleichterte. Nach einer seiner ersten Italienreisen notierte der deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl, Ulrich von Hassell, Göring sei es dank seinem „frischen und der italienischen Mentalität sehr zusagenden ungezwungenen Auftreten" gelungen, „einen starken persönlichen Erfolg zu verzeichnen". Diese Ader sorgte auch dafür, dass er in der Bevölkerung als einer der nahbarsten Vertreter der obersten NS-Führung galt. Trotz seiner Eitelkeit, seiner Sammelleidenschaft für Ämter, Uniformen und Orden und seines Hangs zu Prunk und Pomp, der im Volk eher wohlwollendes Schmunzeln als Ablehnung hervorrief, gelang es ihm, sich volksnah zu inszenieren. Hartnäckig hielten sich Gerüchte über seinen Sinn für Selbstironie, indem er angeblich jeden über sich kursierenden Witz eifrig sammelte. Bei all diesen positiven Eigenschaften, die Göring von unterschiedlichsten Seiten attestiert wurden, sollte jedoch keinesfalls vergessen werden, dass es sich bei Göring immer noch um einen kaltblütigen, mitleidslosen und brutalen Machtmenschen handelte, dem jedes Mittel recht war, um seine politischen Ziele zu erreichen. Skrupel oder gar moralische Bedenken waren ihm fremd.

Ein anderer Zug der Persönlichkeit Görings war vor allem im außenpolitischen Bereich von nicht unerheblicher Relevanz. Denn anders als Hitler, der gegenüber dem Ausland abwartend und verschlagen agierte, niemals seine Pläne gänzlich offenlegte und seine Verhandlungspartner auch bisweilen durch Lügen und Vertuschung bewusst in die Irre führte, spielte Göring gern mit offenen Karten. Es lag ihm nicht, langsam und in kleinen Schritten seinen Zielen näherzukommen. Aus Rücksicht auf Befindlichkeiten seiner Gesprächspartner seine Forderungen zurückzuhalten, war nicht sein Stil. Stattdessen mutete Göring sowohl Italienern als auch Briten von Anfang an die Anerkennung deutscher Revisionsforderungen und damit einer neuen deutschen Großmachtrolle zu und suchte auf dieser Basis eine Annäherung. Dies zeigte sich z.B. bei den Rüstungsgesprächen in London 1933, bei denen Göring eisern auf Zugeständnissen bei der deutschen Luftrüstung beharrte. Zu Beginn seiner außenpolitischen Aktivitäten war ein solches Arrangement noch nicht zu erreichen, allerdings hatten sich seit 1933 die geopolitischen Rahmenbedingungen gewandelt. Dennoch war Görings außenpolitisches Ansehen vor allem in Großbritannien stark angeschlagen. Seit dem Reichstagsbrand traute die englische Presse ihm nicht mehr über den Weg. Er galt dort als Fanatiker, der zur Erreichung seiner Ziele nicht einmal davor zurückschreckte, sein eigenes Parlamentsgebäude in Brand zu stecken. Weitere Nahrung erhielt diese negative Grundstimmung 1934 durch die ‚Nacht der langen Messer‘ und 1938 durch die Reichskristallnacht, die maßgeblich von ihm orchestriert worden war. Auf der anderen Seite nahm das Ausland aber auch seine ideologischen Auseinandersetzungen v.a. mit Goebbels, Heß, Himmler und Rosenberg interessiert zur Kenntnis, die den Eindruck erweckten, dass Göring sich mit der Partei entzweien könnte und eher dem Wilhelminismus zuneige als dem Hitlerismus.

Obgleich Göring die Verschlagenheit Hitlers fehlte, hatte er doch ein Talent für das Inszenieren von Intrigen und Affären. Er wusste die Schwächen seiner Gegner auszukundschaften und für den Erhalt und Ausbau seiner eigenen Macht zu nutzen. Wie bereits erwähnt war er 1934 an führender Stelle an der Beseitigung der Führung der SA beteiligt, die er einst selbst aufgebaut hatte, um ihren Aufstieg zur revolutionären Volksarmee zu verhindern. 1938 beseitigte er in der Hoffnung, selbst Oberbefehlshaber der Wehrmacht zu werden, zunächst den Kriegsminister Werner von Blomberg, der eine 35 Jahre jüngere Frau geheiratet hatte, die bei der Berliner Polizei als Prostituierte bekannt war. Anschließend nahm er sich Blombergs bereits von Hitler designierten Nachfolger, den Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch, vor, den er unter dem Vorwurf einer homosexuellen Beziehung diskeditierte. Ende 1938 hätte er beinahe auch Propagandaminister Goebbels aus der Regierung hinausgedrängt, nachdem Göring dessen Affäre mit der tschechischen Schauspielerin Lída Baarová Hitler gegenüber aufgedeckt hatte. Nach all den Intrigen, die seit der Machtergreifung von Göring ausgegangen waren, musste jedem im engeren Führungszirkel klar sein, mit welchen Machtmitteln sich der Luftwaffen- und Preußenchef versorgt hatte und wie er diese einzusetzen gedachte. Für jeden Konkurrenten ließ sich eine Staatsaffäre konstruieren. Für jeden von ihnen würde Göring sich eigens diese Mühe machen, sollte es nötig werden.

Besondere Fähigkeiten zeigten sich bei Göring, wann immer es darum ging, die eigene Position zu stärken oder zu verteidigen. Gezielt ergriff er jede sich bietende Gelegenheit, die verschiedenen Kräfte innerhalb der NS-Polykratie gegeneinander auszuspielen und seine Machtbasis zu vrbreitern. Dies führte jedoch auch dazu, dass er von keinem der wesentlichen Machtfaktoren als einer der ihren wahrgenommen oder akzeptiert wurde. Dies führte zu einer bemerkenswerten Sonderstellung Görings zwischen den innenpolitischen Fronten von Partei, Staat, Militär und Wirtschaft. Die alten NSDAP-Kader betrachteten seinen Aufstieg mit großem Misstrauen. Für sie war er kein echter Nationalsozialist, sondern ein opportunistischer, ausgedienter Offizier, der die Partei vornehmlich als Sprungbrett nutzen wolle, um gegenüber der Generalität an Macht und Einfluss zu gewinnen. Im Herzen sei er aber vor allem sich selbst und seinem persönlichen Ruhm verpflichtet, nicht den Idealen Hitlers und der Partei, die er geformt hatte. In diesen Tenor stimmten auch viele der inzwischen vollkommen dem Nationalsozialismus dienstbar gemachten Reichsministerien ein, die immer wieder davor warnten, Göring verfolge eine eigene Agenda mit abweichlerischer Zielsetzung, die Partei und Staat schaden könnten. Auf der anderen Seite stand ihm aber auch die Wehrmachtsführung reserviert gegenüber. Für die Generalität war er nicht der Weltkriegsflieger und der hochdekorierte Kriegsheld, sondern der ausrangierte Hauptmann, dessen Ziel es sei, die Führungsspitze des Militärs zu beseitigen, um die Wehrmacht Hitlers Willen und dessen politischen und ideologischen Vorgaben zu unterwerfen. Der Emporkömmling, der 1933 vom Hauptmann a.D. direkt zum General befördert und zum Chef der Luftwaffe, eines neuen dritten Truppenteils, ernannt worden war, wurde nicht als gleichwertig anerkannt. Bis 1936 verweigerten ihm die Generäle kollektiv die militärische Anrede und sprachen ihn stattdessen als ‚Herr Ministerpräsident‘ an. Seit Göring 1936 zum Beauftragten für den Vierjahresplan ernannt worden war, befand er sich zudem sowohl mit der Wehrmachtsführung als auch mit den Wirtschaftsführern im ständigen Streit über die Zielsetzungen der Autarkie- und Rüstungspolitik, die er vorgab. So war Göring mit allen wesentlichen Schaltstellen des Reiches eng verwoben, konnte dabei aber keinem ‚Lager‘ zugeordnet werden. So fehlten ihm zwar einerseits die natürlichen Verbündeten, andererseits ermöglichte ihm dies aber auch, sich ein Höchstmaß an Flexibilität und Unabhängigkeit zu bewahren und alle Teile des Systems je nach Bedarf in Nähe und Abstand halten zu können. Auch hatte er dadurch eine wichtige Brücken- und Klammerfunktion gegenüber den rivalisierenden Lagern, die er zu seinem persönlichen und politischen Vorteil zu nutzen wusste.

Ebenso wie die Partei Distanz zu Göring hielt, stand Göring seinerseits der Partei kritisch gegenüber. Görings Vorstellungen vom nationalsozialistischen Staat unterschieden sich wesentlich von denjenigen Hitlers und der NSDAP. Obgleich vereint in ihrer Ablehnung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit trennte beide doch ein ideologischer Grundkonflikt: Während für Hitler und den Großteil der Parteielite klar war, dass die nationale Revolution in irgendeiner Form zum Aufgehen des Staates in der Partei führen solle, hing Göring der Vorstellung eines ‚Staatsabsolutismus‘ an, der sich alle übrigen Strukturen unterzuordnen hatten. Hitler hatte 1934 auf dem Reichsparteitag verkündet, dass nicht der Staat der Partei, sondern die Partei dem Staat zu befehlen habe. Göring seinerseits erklärte 1933 bei der Eröffnung des Preußischen Staatsrates, nach der Machtergreifung und der „Vernichtung der Parteien“ habe die NSDAP als Massenorganisation ihren Daseinszweck erfüllt. Stattdessen solle sie zu einem kleinen Orden mit dem Ziel der Auslese des zukünftigen Führungspersonals zurückgebildet werden. Nicht die Partei, sondern der Staat als „militantes Wesen“, als Hobbes’scher Leviathan, war für ihn Ziel und Inbegriff allen politischen Strebens. Im Staat, der großen Reichsgemeinschaft, sollte das Individuum aufgeben. Dabei sollte der Staat jedoch nicht aus einer ideologischen Prägung heraus handeln, sondern gewissermaßen entsprechend einem ihm innewohnenden ‚Wesen‘, das unabhängig war von äußeren politischen Erwägungen. Immer wieder betonte er, dass der Staat nach „preußischen Traditionen" zu festigen und zu reorganisieren sei. Die Partei verstand er als ausführendes Organ, während Hitler den Staat mehr als ausführendes Organ der Partei betrachtete. Eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit hatten Hitler und Göring in staatsorganisationsrechtlichen Fragen dennoch: Beide blähten in ihrem Bestreben, die Macht einzelner Untergebener zu begrenzen, den Staatsapparat durch die Einsetzung einer Reihe von Sonderbeauftragten, Sonderbehörden und Bevollmächtigten auf, die neben den ordentlichen Staatsorganen und häufig auch in Konkurrenz zu ihnen bestanden. Dennoch setzte Göring im Ganzen klar auf die Staatsmacht als Herrschaftsorgan und bediente sich staatlicher Kompetenzen und Einrichtungen für den Ausbau seiner Machtstellung, während andere NS-Granden aus ihrer Stellung innerhalb der Partei heraus versuchten, Einfluss auf staatliche Stellen zu nehmen.

Dies führte dazu, dass Göring in allen seinen Ämtern den ideologisch motivierten Angriffen der Partei auf staatliche Strukturen entschieden entgegentrat. Görings Kritik richtete sich dabei häufig nicht allein gegen die „Münchner Partei-Spießer“, sondern bisweilen auch gegen Hitler selbst. Die Freihaltung der staatlichen Strukturen, der Verwaltung und der Beamtenschaft von ideologischer Vereinnahmung entsprach ganz seiner Staatsauffassung. In seinen Ämtern stärkte er bewusst die klassische Beamtenschaft gegenüber dem Parteibuchbeamtentum, das in anderen Ministerien längst Usus war. Der wehrhafte Staat bedurfte loyaler Mitarbeiter, die nur diesem verpflichtet waren und nicht einer bestimmten politischen Leitlinie. Auch sein konsequentes Festhalten am Land Preußen und sein Widerstand gegen die Reichsreform, wie sie Innenminister Wilhelm Frick verfocht, müssen vor diesem Hintergrund betrachtet werden. Besonders vehement bekämpfte Göring Ausschreitungen der Ordnungstruppen der Partei, SA und SS. Seine Flieger wies er an, sich in Auseinandersetzungen mit der SA zu wehren und sich nicht zusammenschlagen zu lassen. Als Himmlers SS 1934 die Aufsicht über die Konzentrationslager übernommen hatte, strengte Göring mehrere Verfahren gegen Lagerkommandanten und KZ-Wächter wegen Misshandlungen von Gefangenen an. Diese waren freilich nicht aus einer Sorge um die Unversehrtheit der Lagerinsassen geboren, sondern aus Sorge um den Machtausbau der SS im Nachgang der Ausschaltung der SA-Spitze. Verschiedentlich sprang er Justiz und Wehrmacht bei, wo es darum ging, den Einfluss von SA und SS zu begrenzen oder zurückzudrängen. Immer wieder forderte Göring Heß und Hitler schriftlich auf, nicht nur SA und SS, sondern alle Gliederungen und angeschlossenen Organisationen der Partei mitsamt ihrem Parteiapparat in einer systematischen Säuberungsaktion stalinistischer Art „von Elementen, an denen das Volk mit Recht Anstoß nimmt", zu befreien. Auch in der Kirchenfrage setzte er deutlich andere Akzente. In Preußen betrachtete er sich als Ministerpräsident als rechtmäßiges Oberhaupt der Evangelischen Landeskirche und suchte die Nähe zu den Kirchenführern, deren Stellung radikalere Parteivertreter zu beseitigen versuchten. Himmler ging dabei so weit, das Christentum als Ganzes als „geistige Versklavung der germanischen Lebensart“ zu betrachten. Der „orientalische Mysterienkult“ sollte langfristig durch ein germanisches Neuheidentum verdrängt werden.

Görings außergewöhnliche Machtstellung innerhalb des Dritten Reiches ist angesichts dieser Gemengelage von Anbiederung und Abstoßung von mehreren Seiten nicht erklärbar ohne ein hohes Maß an Organisationstalent und strategischem Denken. Die zahlreichen Posten, Ämter und Aufgaben ließen sich nur bewältigen, indem er sich fähige, loyale und selbstständig denkende Mitarbeiter suchte, die in der Lage waren, die Geschäfte in eigener Verantwortung und ohne seine permanente Präsenz und Anleitung zu führen. Dieser eher lockere Führungsstil erlaubte es Göring einerseits, nicht den Überblick zu verlieren, andererseits erweckte er aber bei seinen Untergebenen auch den Eindruck, dass er sich für die tatsächliche Arbeit nicht interessierte und insbesondere das Luftfahrtministerium mehr aus Prestigegründen denn aus wirklichem Interesse an der Luftfahrt als solcher betrieb. Die einzelnen Dienststellen besuchte er eher sporadisch.

Den Überblick und die Koordination seiner zahlreichen Aktivitäten erlaubte ihm das ‚Stabsamt‘, das als zentraler Dreh- und Angelpunkt des Göring’schen Machtapparates in der Preußischen Staatskanzlei angesiedelt war. Von hier gingen die wesentlichen Impulse für die Arbeit der verschiedenen Institutionen und Behörden aus, denen der Feldmarschall vorstand. Sein engster Führungskreis rekrutierte sich, anders als derjenige Hitlers und entgegen den Vorstellungen der Partei, in aller Regel nicht aus den Parteikadern, sondern entweder aus persönlichen Vertrauten – bei denen es sich fast ausschließlich um ehemalige Weltkriegskameraden handelte – oder aus parteifernen Fachleuten, Juristen, Wirtschaftsführern, Verwaltungsbeamten und Verbandsvertretern. Seine Beamtenpolitik, die anders als auf Reichsebene und in anderen Ländern Preußen effektiv gegen eine Unterwanderung durch Parteibuchbeamte abschirmte, brachte ihm großen Respekt nicht nur seiner engeren Mitarbeiter ein, sondern auch solcher innerhalb der Beamtenschaft, die persönlich Distanz zum Nationalsozialismus wahrten. In vielen Fällen rekrutierte Göring auch Mitglieder der ehemaligen Rechtsparteien DNVP und DVP, sogar Versuche zur Anwerbung ehemaliger SPD-Mitglieder sind belegt. Dies galt für die Verwaltung Preußens ebenso wie für das Luftfahrtministerium oder die Vierjahresplanbehörde. Der harte Kern der etwa 25 "Göringianer", die die wesentlichen Schaltstellen im Machtapparat besetzten, änderte sich über die vielen Jahre nur unwesentlich. Wo dies notwendig war, wurden die vorhandenen Kräfte neu verteilt, um eine größtmögliche Bandbreite an Arbeitsfeldern zuverlässig abzudecken. So konnte der Reichsmarschall sich größtmögliche Unabhängigkeit von den Parteistrukturen und deren Protagonisten bewahren und sich einen Kreis von persönlichen Gefolgsleuten aufzubauen. So entstand ein persönlicher Machtapparat, der nicht durch die gemeinsame nationalsozialistische Ideologie, die Stellung in der Partei oder den Eid gegenüber dem Führer, sondern allein durch die persönliche Loyalität gegenüber der Person Hermann Görings zusammengehalten wurde.

Besonders zu erwähnen sind hierbei das Flieger-Ass Ernst Udet, nach Manfred von Richthofen der Pilot mit den meisten Abschüssen, sowie seine Duzfreunde Paul Körner, mit dem er gemeinsam nach dem Weltkrieg Fallschirme verkauft hatte, und Karl Bodenschatz, Adjutant im von Göring geführten berühmten Richthofen-Geschwader. Udet wurde Chef der Luftrüstung im Luftfahrtministerium. Körner war 1939 Staatssekretär sowohl im preußischen Staatsministerium als auch in der Vierjahresplanbehörde und damit maßgebliches ausführendes Organ Görings. Karl Bodenschatz war persönlicher Adjutant Görings. Unter den parteifernen Fachleuten sticht Erich Gritzbach, ehemals persönlicher Referent des preußischen Reichskommissars und Vizekanzlers Franz von Papen hervor, der Leiter seines Stabsamtes wurde. Zudem war er ein enger Vertrauter des preußischen Finanzministers Johannes Popitz, der sich mit den Jahren vom Gegner zum Mitarbeiter Görings wandelte, ohne jemals gänzlich dem Nationalsozialismus zuzuneigen. Bis zuletzt pflegte er ein ausgedehntes Netzwerk von Kontakten auch zum zivilen Widerstand innerhalb des Großdeutschen Reiches. Des weiteren sind hier der Arbeitgebervertreter Ludwig Grauert, der Görings maßgeblicher Wirtschaftsberater wurde, Friedrich Gramsch, der Göring in Fragen der Reichsreform beriet und Erich Neumann zu nennen, der in Görings Auftrag die preußische Verwaltung neu organisierte und später maßgeblicher Koordinator innerhalb der Vierjahresplanbehörde wurde. Im Kampf um die Unabhängigkeit der Beamtenschaft von der Partei war Hans Pfundtner sein wichtigster Verbündeter. Alle vier standen der DNVP nahe. Zu Görings wenigen Verbündeten innerhalb der Partei zählten die Minister Hanns Kerrl und Bernhard Rust, die Göring große Verehrung entgegenbrachten und mit ihm wesentliche Grundgedanken über den wünschenswerten Aufbau des NS-Staates teilten. Beide waren bereits an seiner Machtergreifung in Preußen beteiligt gewesen. Kerrl war Landtagspräsident, Rust Kultusminister gewesen. Später stiegen beide in die Reichsregierung auf. Eine persönliche Freundschaft verband ihn darüber hinaus mit Hans Frank, dem wichtigsten Rechtstheoretiker der Partei und 1934 von Adolf Hitler zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich ernannt.

Die zentrale Machtbasis Görings war zwischen 1933 und 1939 unbestritten das Land Preußen, dessen Ministerpräsident und stellvertretender Reichsstatthalter er war. Preußen umfasste, trotz der erheblichen Gebiets- und Bevölkerungsverluste infolge des Versailler Vertrages, nach wie vor etwa zwei Drittel des gesamten Reichs. Bereits Reichskanzler Franz von Papen hatte ein Jahr zuvor die Ausschaltung Preußens als eigenständigen Machtfaktor betrieben, da das Land als Bollwerk gegen jegliche Zentralisierungsbestrebungen der Reichsleitung ein Dorn im Auge war. Demgegenüber gelang es Göring, den preußischen Staatsapparat erneut in Stellung zu bringen, wobei sein Beharren auf der Eigenständigkeit des Freistaates nur bedingt von eigenen Sympathien für den Föderalismus getragen war. Sein Anliegen war gegenteiliger Natur. Während vor allem Innenminister Frick und Hitler Preußen im Reich aufgehen sehen wollten, stellte Göring sich eine ‚Verpreußung‘ des Reiches, einen Umbau des Staatsgefüges nach preußischen Idealen und preußischer Verwaltungspraxis vor. Darüber hinaus war Preußen der Teil seines persönlichen Imperiums, über den Göring am freiesten verfügen und den er am nachhaltigsten prägen konnte, da er hier nicht von Kompromissen innerhalb der Reichsregierung abhängig war, sondern selbst im Wege der Landesgesetzgebung einen Staat nach seinen ganz persönlichen Vorstellungen schaffen konnte.

Ein wesentlicher Teil dieses persönlichen Regiments offenbart sich beim Blick auf den von Göring ins Leben gerufenen Preußischen Staatsrat. Anders als die Namensgleichheit mit dem Vertretungsgremium der Provinzen aus der Zeit vor 1933 nahelegt, handelt es sich bei dem neuen Organ um eine allein auf die Person und Bedürfnisse des Ministerpräsidenten zugeschnittene Möglichkeit, sich alte Weggefährten, Honoratioren und Experten zur Verfügung zu halten und ihren Rat in Anspruch nehmen zu können. Zugleich nutzte er dieses prestigeträchtige Gremium, um die preußischen SA- und SS-Führer sowie die Gauleiter der NSDAP in eine staatliche Organisation einzubinden und dadurch zu bändigen. Die Auswahl der in den Staatsrat zu berufenden Persönlichkeiten lag allein bei Göring selbst. An dieser Selbstermächtigung lassen sich die Grundzüge seiner Auffassung von der Neuordnung des Staates ablesen.

Entschieden verwahrte er sich dabei gegen den Vorwurf, mit dem Aufbau des Staatsrates einen Ersatz für den obsoleten Landtag schaffen und den Parlamentarismus lebendig halten zu wollen. Im Staatsrat sollten keine Abstimmungen stattfinden, sondern lediglich Empfehlungen ausgesprochen werden, die der Ministerpräsident annehmen oder ablehnen konnte, wie es ihm beliebte. Es sollte kein Platz mehr sein für den „Begriff der Mehrheit, jenen anonymen Majoritätsbegriff, der die Feigheit der Zahl zum Herrn erhoben hatte". Dennoch lassen sich in Görings Regierungsführung Reste ‚demokratischer‘ Verfahrensweisen nicht verleugnen. Denn bereits bei seiner Machtübernahme in Preußen hatte Göring einen Ausgleich der unterschiedlichen und widerstreitenden Interessen innerhalb der Landesregierung vor allem dadurch erreichen können, dass er zum klassischen Kollegialprinzip zurückgekehrt war und alle auftretenden Fragen in der großen Runde diskutiert wurden. Ein solcher Stil wäre Hitler, dessen Kabinett seit Jahren nicht mehr zu einer Sitzung zusammengekommen war, nie in den Sinn gekommen. Hitler war in seiner Regierungsführung absolut beratungsresistent und alle seine Minister wussten das. Göring wusste um die Kompetenz seiner Mitarbeiter und wusste sie für sich zu nutzen.

Görings preußische Bastion wurde in den ersten Jahren der NS-Herrschaft vor allem von Reichsinnenminister Wilhelm Frick bedroht. Dieser versuchte, die Landesministerien nach und nach aufzulösen und in die entsprechenden Reichsministerien zu überführen. Die Doppelstruktur von Reichs- und Landesbehörden sollte vollständig beseitigt werden. Göring verteidigte entschieden seine Landeshoheit und wusste dabei das Verwaltungsrecht geschickt gegen den Innenminister einzusetzen. Als Frick das preußische Innenministerium auflöste, um dadurch vor allem Zugriff auf die Gestapo zu erhalten, gliederte Göring diese kurzerhand in die Staatskanzlei um, sodass Frick sein eigentliches Ziel nicht erreichte und Hitler erst persönlich einschreiten musste, bis der Ministerpräsident die preußische Gestapo an Heinrich Himmler abgab. Vorausgegangen waren langwierige Verhandlungen, die schließlich dadurch zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden konnten, dass Frick und Hitler einem Tauschhandel zustimmten: Als Ausgleich für das preußische Innenministerium und die Gestapo erhielt Göring das neugeschaffene Reichsforstamt, das als Oberste Reichsbehörde völlig eigenständig war und dessen Chef mit dem Titel Reichsforst- und Reichsjägermeister Kabinettsrang erhielt. Damit hatte er einen ersten Fuß in der Wirtschaftspolitik, die später zur dritten Säule seiner Macht werden sollte. Außerdem bot das neue Amt die Möglichkeit, unter dem Vorwand von Jagdveranstaltungen auf Auslandsreisen Kontakte zu knüpfen und unauffällige Gespräche und Verhandlungen zu führen.

Görings zweites Standbein war seit 1933 das Luftfahrtministerium, das für ihn völlig neu geschaffen worden war. Das Ministerium diente einerseits zur Tarnung des Neuaufbaus deutscher Luftstreitkräfte, die durch den Versailler Vertrag gänzlich verboten worden waren, andererseits bot sich hier die Gelegenheit, verdiente Mitstreiter mit Posten zu versorgen. Das Luftfahrtministerium war in einen militärischen und einen zivilen Zweig geteilt. Im militärischen suchte Göring den Anschluss an Heer und Marine und eine ebenbürtige Stellung für die neu zu bildende dritte Teilstreitkraft der Wehrmacht, was ihm langfristig einen persönlichen Zugang zu Generalität und Admiralität sichern sollte. Im zivilen Sektor suchte er die enge Verzahnung mit der Wirtschaftselite des Reiches, die durch Rüstungsaufträge und Beraterposten für den Minister eingenommen werden sollten. Das Luftfahrtministerium diente auch als außenpolitische Schnittstelle. Durch die gegen den Willen des Auswärtigen Amtes berufenen Luftfahrt-Attachés, die an zahlreichen Auslandsvertretungen ansässig waren, verfügte der Feldmarschall über eigenständige Informationsquellen im Ausland, die häufig sogar besser informiert waren und unauffälliger Daten sammeln konnten als die Botschafter selbst.

Darüber hinaus baute Göring mit dem Forschungsamt (FA), das dem Namen nach dem Luftfahrtministerium unterstand, strukturell aber der Preußischen Staatskanzlei, einen eigenen Geheim- und Nachrichtendienst auf, der als einzige Stelle im Reich befugt und technisch in der Lage war, Telefon-, Telegrafen- und Funküberwachung durchzuführen. Auch Gestapo und SD waren auf die Dienste dieser Abteilung angewiesen, deren Nachrichten-Output Göring kontrollierte. Dabei beschränkte sich Görings Geheimdienst keineswegs auf die Überwachung von feindlichen Agenten oder Regimegegnern, sondern nahm auch gezielt die Konkurrenten im inneren Machtzirkel des Dritten Reichs unter die Lupe. So konnten umfangreiche Karteien über nahezu jede hochgestellte Persönlichkeit der NS-Führungsriege zusammengestellt werden, die Göring bei Bedarf erpresserisch oder zerstörerisch einzusetzen wusste.

Ab 1936 verbreiterte sich Görings Machtbasis noch einmal beträchtlich. Zur Umsetzung seiner Autarkie- und Rüstungspolitik, die eine deutsche Kriegsbereitschaft bis 1940 zum Ziel hatte, verkündete Hitler auf dem Reichsparteitag seinen Vierjahresplan und setzte am 18. Oktober per Erlass Hermann Göring als dessen Durchführungsbeauftragten ein. Die daraus entstandene Vierjahresplanbehörde wurde Oberste Reichsbehörde und damit den Reichsministerien gleichgestellt. Sie erhielt umfassende Weisungsbefugnisse gegenüber der gesamten Privat- und Wehrwirtschaft. Sie übernahm die Kontrolle über den Rohstoff- und Devisenhandel und schloss sogar in eigener Machtvollkommenheit Handelsverträge mit ausländischen Mächten ab. Göring avancierte durch diese Ernennung auf einen Schlag zum ‚Wirtschaftsdiktator‘. In seiner neuen Funktion knüpfte er enge Kontakte zu den wichtigsten Rüstungsbetrieben und Industriemagnaten des Reiches. Auch für die Privatwirtschaft führte kein Weg mehr an ihm vorbei. Der eigentliche Mitarbeiterstab der Behörde war mit etwa 200 Beamten überschaubar. Im Rahmen des Vierjahresplans wurden auch die ‚Reichswerke Hermann Göring‘ gegründet, ein gewaltiger Staatsbetrieb, der im Rahmen der Autarkiepolitik all diejenigen Wirtschaftszweige abdecken sollte, die für die private Wirtschaft zu unrentabel schienen, wie z.B. die Verhüttung armen Eisenerzes. Dadurch wurde Göring nicht nur Koordinator aller wirtschaftlichen Belange des Reiches, sondern zugleich selbst Teil der Wirtschaftselite, deren Kooperation er zu sichern suchte.

Im undurchsichtigen Geflecht des Dritten Reiches hatte Göring sich also ein höchstmögliches Maß an unzusammenhängenden Einzelposten gesichert, die alle auf ihre Art einen wesentlichen Beitrag zu seiner Machtentfaltung leisteten. Er war Preußischer Ministerpräsident, Präsident des Preußischen Staatsrates, Präsident des Reichstages, Stellvertretender Vorsitzender des Reichsverteidigungsrates, Reichsminister der Luftfahrt, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Beauftragter für den Vierjahresplan, Reichsbeauftragter für Rohstoff- und Devisenfragen, Leiter der staatseigenen Reichswerke Hermann Göring, Mitglied des Geheimen Kabinettsrates, Reichsforst- und Reichsjägermeister. Eine vergleichbare Ämterfülle hatte kein anderes Mitglied der NS-Führungselite vorzuweisen. Dies konnte ein Vor- und Nachteil zugleich sein. Einerseits sorgte dies, wie bereits erwähnt, für einen hohen Koordinierungsaufwand, andererseits auch für eine große Vielseitigkeit und Breite seiner Machtbasis.

Die Verfassungswirklichkeit des Dritten Reiches bei Görings Amtsantritt

Hermann Göring übernahm das Großdeutsche Reich zu Beginn des Jahres 1939 als gefestigte Diktatur. Das vereinigte Amt des Führers und Reichskanzlers war in allen seit 1934 entstandenen Gesetzen fest verankert und somit fest in das Gefüge des Staates integriert. Von diesem ging ein Großteil der tatsächlichen Staatsgewalt aus. Der Führer und Reichskanzler konnte allein über die Ernennung und Entlassung der Reichsminister, der Generalität, der höchsten Reichsbeamten, der Reichsstatthalter und der Mitglieder der Landesregierungen bestimmen, Bündnisse und völkerrechtliche Verträge abschließen und ausländische Gesandte beglaubigen und empfangen. Innerhalb der Reichsregierung besaß er die Kompetenz, „die Richtlinien der Politik“ zu bestimmen und konnte dadurch die Tätigkeit der einzelnen Minister dirigieren. Durch das Mittel sogenannter „Führererlasse“ konnte er Notverordnungen mit Gesetzeskraft erlassen. Dabei handelte es sich um eine Kombination zweier dem Reichspräsidenten übertragener Vollmachten, und zwar einerseits der Befugnis, „durch Erlass die Organisation der Reichsregierung und die der obersten Reichsbehörden zu verändern“ und andererseits der auf Art. 48 der Weimarer Reichsverfassung zurückgehenden Kompetenz, „die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen“. Diese Kompetenz hatte sich spätestens in der Zeit der Präsidialkabinette Anfang der 30er Jahre zu einem Instrument der ‚Ersatz-Gesetzgebung‘ weiterentwickelt, das nahezu unbegrenzt eingesetzt werden konnte, um die verfassungsgemäße Gesetzgebung durch den Reichstag zu übergehen. Dieses Mittel war zwar unter Hitler nicht mehr notwendig, da durch das Ermächtigungsgesetz die Reichsregierung mit einem eigenen Gesetzgebungsrecht ausgestattet worden war, aber grundsätzlich nicht aufgehoben. Über all diese formalen Vollmachten hinaus konnte er per Erlass seinen Stellvertreter und seinen Nachfolger bestimmen. Im Prinzip war das Reich somit – vorbehaltlich des Auftrags zur Schaffung einer neuen Verfassung, die aber trotz gegenteiliger Versicherung Hitlers in den vorangegangenen Jahren weder mittel- noch langfristig in Sicht war – eine Art ‚Erbdiktatur‘.

Allerdings hatte Hitler dafür gesorgt, dass das Ermächtigungsgesetz, das die Grundlage für die Regierungstätigkeit der vorangegangenen sechs Jahre gebildet hatte, gemäß seinem ausdrücklichen Text mit dem Ende der Regierung Hitler automatisch außer Kraft getreten wäre. Dadurch wäre die Reichsregierung wieder auf das reguläre Gesetzgebungsverfahren durch den Reichstag zurückgeworfen gewesen, was nicht nur die Zeit bis zum Beschluss eines Gesetzentwurfs massiv verlängert, sondern auch erstmalig Kompromisse zwischen Reichsregierung und NSDAP-Reichstagsfraktion notwendig gemacht hätte. Neben der Reichstagsgesetzgebung hätte Göring weiterhin noch über das Instrument der Führererlasse verfügt. So hätte ihm auch weiterhin ein Mittel zur Verfügung gestanden, um gesetzesverändernde Verordnungen zu erlassen. Wie zu Zeiten der Präsidialkabinette wäre ihre Achillesferse jedoch gewesen, dass der Reichstag sie jederzeit durch einfachen Beschluss außer Kraft setzen konnte, sodass auch dieses Instrument letztlich von einer Verständigung mit der Reichstagsmehrheit oder aber einer dauernden Beschlussunfähigkeit des Reichstags abgehangen hätte. Ob diese rechtliche Feinheit allerdings unmittelbar ernsthafte Veränderungen für die Reichsregierung bedeutet hätte, darf mit Recht bezweifelt werden.

Der Reichstag selbst, dessen Präsident Hermann Göring seit 1932 war, hatte seit der Machtergreifung nur noch einen Bruchteil der Reichsgesetze beschlossen. Seine Funktion als Volksvertretung war weitgehend obsolet. Die Wahlen hatten lediglich affirmativen Charakter. Wichtig wurde das Parlament vor allem als Bühne, auf der der Führer alle Volksgenossen und die Weltöffentlichkeit mit wichtigen Botschaften erreichen und sich für seine Arbeit feiern lassen konnte. Dass dieser Zustand sich unter einer Herrschaft Görings, der von den Parteikadern als opportunistischer Militär betrachtet wurde, der im Windschatten Hitlers und der Partei seine eigene Macht in Teilen auch offen gegen diese ausgebaut hatte, dauerhaft gehalten hätte, ist höchst zweifelhaft. Ganz im Gegenteil hielte ich eine Äußerung des Grundkonflikts zwischen Göring und der Partei in einer Weigerung des Reichstags, das Ermächtigungsgesetz erneut beschließen zu lassen, für deutlich wahrscheinlicher. Dass dies per se die Regierungsarbeit gelähmt hätte wie in der Weimarer Republik, halte ich wiederum zumindest in der ersten Zeit für unrealistisch. Der Reichstag hätte Selbstbewusstsein zurückgewinnen können, wäre es ihm gelungen, zu einem wirklichen Forum des Austausches und der Verhandlungen zwischen den verschiedenen Interessengruppen innerhalb der NSDAP zu werden. Auf Dauer hätte Göring die Interessen der Partei schwerlich ignorieren können. Ob er sich darauf eingelassen hätte, hängt neben seiner Persönlichkeit vor allem von weichen Faktoren wie der tatsächlichen Handlungsfähigkeit des Parlaments ab, also insbesondere von der Frage, ob Göring die Sitzungen des Reichstags weiterhin persönlich als Präsident geleitet oder die Leitung an einen engen Vertrauten – sein Vertrauter Hanns Kerrl war bereits Vizepräsident – abgegeben, aber auf persönliche Anwesenheit Wert gelegt hätte. In einem solchen Fall wäre der Reichstag das zentrale Forum der Kommunikation mit dem amtierenden Staatsoberhaupt geworden, in dem jede Interessengruppe ihre Forderungen ohne den Umweg über die Ministerialbürokratie hätte artikulieren können. Auf zu großen Druck vonseiten der Reichstagfraktion hätte Göring dann allerdings auch jederzeit mit einem Auflösungsdekret reagieren können. Der politische Austausch war also in Gänze von seinem Wohlwollen gegenüber dem Verfahren abhängig, nicht von den rechtlichen Rahmenbedingungen. Grundsätzlich lassen aber die Erfahrungen aus seiner vormaligen Regierungstätigkeit in Preußen, wo er auch innerhalb der Landesregierung zum Zwecke des Interessenausgleichs dem Kollegialprinzip den Vorzug gab, ein solches Szenario sinnvoll erscheinen.

Die horizontale Machtverteilung auf Reichsebene war schon 1939 völlig unübersichtlich. Neben den offiziellen Ministerien, von denen über die Jahre immer neue eingerichtet worden waren, existierten eine ungeheure Menge an Sonderbeauftragten, Kommissionen, Gremien und Institutionen, die mit den Ministerien und untereinander um Einfluss konkurrierten und deren Zuständigkeiten sich unübersehbar, aber absichtlich überschnitten. Neu eingerichtet worden waren das Propagandaministerium (1933), das Luftfahrtministerium (1933), das Erziehungsministerium (1934) und das Kirchenministerium (1935). Zusätzlich wurden einige Kompetenzen aus Reichsministerien ausgelagert und in eigenständigen Obersten Reichsbehörden angesiedelt. Ein Reichsbeauftragter für Rohstoff- und Devisenfragen übernahm vom Wirtschaftsministerium die Koordination des Außenhandels, ein Reichsforst- und Reichsjägermeister erleichterte das Landwirtschaftsministerium um die Zuständigkeit für Naturschutz, Jagd, Landschaftsplanung und Forstwirtschaft und eine Reichsstelle für Raumordnung entriss dem Landwirtschaftsministerium die Flächennutzungsplanung. Durch den neugeschaffenen Posten eines Chefs der Deutschen Polizei verlor der Innenminister die unmittelbare Kontrolle über die Sicherheitskräfte des Reiches. Neben den Ministerien existierten auf Ebene der Partei die sogenannten Reichsleiter, die ebenfalls nach dem Ressortprinzip Parallelstrukturen zu den staatlichen Stellen unterhielten und z.B. eine eigenständige Außen- und Kolonialpolitik in Konkurrenz zum Auswärtigen Amt betrieben, eigene Parteischulen und die Hitlerjugend ohne Kontrolle durch das Erziehungsministerium und vor allem mit SA, SS und SD Sicherheitsorgane bar jeder staatlichen Kontrolle. Auch die Massenorganisationen und ständischen Berufsvertretungen wie der Reichsnährstand, die Deutsche Arbeitsfront, die Anstalt Kraft durch Freude, die Akademie für Deutsches Recht, der Rechtswahrerbund, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes, das Hilfswerk Mutter und Kind, der Reichsbund für Leibesübungen und viele andere mehr wurden allein von der Partei und ohne jegliche staatliche Aufsicht verwaltet.

Auf der vertikalen Ebene war im Zuge der nur unvollständigen Reichsreform mit der Gleichschaltung der Länder eine ebenso verworrene Situation entstanden. Die Weimarer Republik hatte noch aus völkerrechtsfähigen Gliedstaaten bestanden, die über den Reichsrat an der Reichsgesetzgebung beteiligt wurden. Mit dem Gesetz über den Neuaufbau des Reichs vom 30. Januar 1934 und dem Reichsstatthaltergesetz vom 30. Januar 1935 wurde die Selbstständigkeit der Länder beseitigt. Sie verloren ihre Hoheitsrechte und ihren Staatscharakter, ihre Volksvertretungen wurden abgeschafft und die Landesregierungen vom Führer und Reichskanzler ernannten Reichsstatthaltern unterstellt, die dafür zuständig waren, „für die Beachtung der vom Führer und Reichskanzler aufgestellten Richtlinien der Politik“ zu sorgen und diese gegenüber den Landesregierungen durchzusetzen, die der Führer und Reichskanzler wiederum auf Vorschlag des Reichsstatthalters ernannte. Die Reichsstatthalter waren in einigen Fällen für mehrere Länder ernannt worden, im Fall Preußens behielt sich der Führer und Reichskanzler selbst diese Stellung vor, konnte sie aber auf den Ministerpräsidenten übertragen. Daneben hatten in Preußen die Oberpräsidenten der Provinzen den Reichsstatthaltern vergleichbare Kompetenzen.

Die Landesgesetzgebung existierte weiter, Landesgesetze bedurften aber zu ihrer Gültigkeit der Zustimmung der Reichsregierung. Mit der Zeit waren vor allem in Preußen die Fachministerien aufgelöst und mit den Reichsministerien zusammengelegt worden. Einige Landesminister konnten allerdings bis zuletzt durch ihren Einfluss oder andere hemmende Faktoren ihre Ressorts gegen die Verreichlichung verteidigen. So existierte in Preußen noch ein eigenständiges Finanzministerium, in anderen Ländern, vor allem Bayern, hielten sich die Ressorts nahezu völlig unbeeinflusst von der Entwicklung auf Reichsebene und setzten ihre Arbeit de facto in gleicher Weise fort wie vor dem Neuaufbaugesetz. Das führte angesichts der allgemeinen Rechts- und Gesetzgebungshoheit des Reiches immer wieder zu Spannungen, wenn Reichs- und Landesregierungen nebeneinanderher arbeiteten. Außerdem ergaben sich teils absurde Konstruktionen in der Befehlskette. So war der Reichsstatthalter Fritz Sauckel in Thüringen zugleich Vorgesetzter und Untergebener des Ministerpräsidenten Marschler, dem er zeitgleich als Innenminister diente.

In Konkurrenz und verschiedentlich in Personalunion mit den Landesorganen existierten die Parteigaue. Die Gauleiter waren zum Teil gleichzeitig Reichsstatthalter oder Landeschefs, zum Teil Oberpräsidenten der preußischen Provinzen. Ihnen unterstanden die örtlichen Parteigliederungen und ihnen oblag gemäß der Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 die Bestimmung der Repräsentanten der unteren Verwaltungsebenen. Eine Vielzahl von NS-Organisationen, die beinahe jeden Lebensbereich umfassten und alle Ressourcen der Gesellschaft dem Regime verfügbar machen sollten, arbeiteten völlig unabhängig von der Reichsverwaltung.

So hatte Hitler erfolgreich dafür gesorgt, dass niemand innerhalb der NS-Führungsriege jemals für ihn selbst zu einer Gefahr werden könnte. Denn so ineffektiv die Konkurrenz all dieser Instanzen für die Verwaltung des Reiches war, so effektiv war sie, um sicherzustellen, dass nur ein Mann alle Einzelteile dieses Puzzles verband: Adolf Hitler.

Der Griff nach der Macht

Als Hitler am 20. April 1939 sein Leben verlor, war Göring mit ausreichenden Machtmitteln ausgestattet, seinen Anspruch durchzusetzen, und willens, dies auch zielstrebig und skrupellos zu tun. Er wusste nur zu gut, dass in kritischen Situationen schnelles Handeln erforderlich war. Dass er dazu in der Lage war und dieses Handeln taktisch klug zu inszenieren wusste, beweisen Fälle wie sein Kampf um die Oberhoheit über die Preußische Geheimpolizei 1934 oder die freilich unrühmliche Ummünzung der Zerstörungen im Rahmen der Novemberpogrome 1938 in eine Strafsteuer, die den Juden selbst auferlegt wurde, um dem Staat Schäden an ihrem eigenen Eigentum zu ersetzen.

Göring war auf den Ernstfall seit 1934 vorbereitet. Sein gesamtes Handeln innerhalb der nationalsozialistischen Polykratie war systematisch darauf ausgerichtet, sich eine möglichst große Hausmacht und damit ideale Voraussetzungen für eine Übernahme der Regierungsverantwortung zu schaffen. Wo es der eigenen Initiative bedurfte und wo er die Gelegenheit sah, seinen Ruhm und sein Ansehen zu mehren, ergriff er die Initiative (insbesondere 1934 beim Röhm-Putsch sowie 1938 beim Anschluss Österreichs und der Ausschaltung der Wehrmachtsführung), wo es dienlicher war, sich Hitler gänzlich unterzuordnen, ordnete er sich Hitler unter. Wo es unumgänglich war, um seine Position zu schützen, scheute er aber auch nicht davor zurück, den Konflikt mit Hitler selbst in Kauf zu nehmen, immer im Vertrauen auf seine Unersetzlichkeit. So verhinderte er in seiner Rolle als preußischer Ministerpräsident durch vehementes Beharren auf seiner Position den weiteren Fortschritt der von Innenminister Frick angestoßenen Reichsreform, die die bisherigen Länder durch Reichsgaue ersetzen und damit dem Neben- und Gegeneinander verschiedener staatlicher und außerstaatlicher Institutionen in der Verwaltung ein Ende bereiten sollte. Verschiedenen Berichten zufolge soll Hitler schließlich eingelenkt und die Reichsreform abgebrochen haben, nachdem Göring offen mit seinem Rücktritt von allen Ämtern gedroht hatte.

Spannungen mit Heinrich Himmler und der SS

Francisco Franco empfängt den Reichsführer-SS Heinrich Himmler in Spanien, 1940

Görings schärfster Konkurrent war Heinrich Himmler, der Reichsführer-SS, der mit der Schutzstaffel nicht nur den paramilitärischen Arm der Partei kontrollierte, sondern zudem seit 1936 auch Chef der Deutschen Polizei war und somit den gesamten Apparat der inneren Sicherheit im Griff hielt. Zudem verfügte er über Zugriff auf die Geheimdienste und ein ausgedehntes Spitzelnetzwerk. Himmler hatte in den Jahren unter Hitler massiv an Macht gewonnen und dabei unter anderem auch Göring selbst Pfründe gekostet. Bereits 1934 waren die beiden Granden aneinander geraten, als Göring in seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident gegen mehrere KZ-Kommandeure und Wachleute wegen der Misshandlung Gefangener ermitteln ließ. Freilich ging es ihm dabei nicht um deren Wohl, sondern darum, den Machtzuwachs der SS nach dem Röhm-Putsch bestmöglich einzudämmen. Daher war es nur folgerichtig, dass früher oder später ein offener Konflikt ausbrechen musste. Nicht nur Hess und Goebbels, der Himmler Jahre zuvor nach dessen Verwanzung seiner Dienstwohnung u.a. in seinem Tagebuch als "hinterlistiges Vieh" bezeichnet hatte, auch viele andere Reichsminister unterstützten die Bestrebungen Görings, Himmler einzuhegen. Innenminister Wilhelm Frick z.B. hatte die Kontrolle über die Polizei an Himmler verloren, Justizminister Gürtner beklagte sich über die unhaltbaren Zustände in den von der SS beaufsichtigten Konzentrationslagern.

Heinrich Himmler bei der Inspektion der SS-Verfügungstruppen, 1941

Strittig war mit Himmler vor allem die Kompetenzverteilung zwischen Innenminister und Chef der Polizei. Formal war Himmler dem Innenminister unterstellt, in der Realität agierte der Reichsführer-SS jedoch weitgehend losgelöst von den staatlichen Strukturen des Ministeriums. Unter seinem Stellvertreter Reinhard Heydrich waren die formal eigenständigen Strukturen der Sicherheitspolizei (Kripo und Gestapo) und des Sicherheitsdienstes der SS (SD) in Personalunion verbunden. Göring versuchte vor allem, Himmler dadurch zu untergraben, dass er Heydrich Avancen machte und ihn hinter seinem Rücken mit Spezialaufträgen versorgte, die mittelfristig den Weg zu einer Ablösung Himmlers ebnen könnten. Himmler war seiner esoterischen Neigungen wegen in der SS keineswegs unumstritten.

Doch auch dem Reichsführer-SS blieben die Bestrebungen Görings, ihn auszubooten, nicht verborgen. Insbesondere über seine Kontakte zur Wirtschaft versuchte Himmler in den kommenden Monaten, politischen Druck auf Göring auszuüben und ihm Zugeständnisse abzupressen, was wiederum im Reichstag zu Spannungen führte, die auch der Öffentlichkeit nicht entgingen. Im Bereich der Polizei betrieb er systematisch die Ablösung aller bislang noch im Amt befindlichen Polizeikommandanten aus den Reihen der SA. Auch das restliche Beamtenkorps wurde nach und nach ausgesiebt. Die bislang nur in Personalunion verbundenen deutschen Sicherheits- und Polizeibehörden des Reiches fasste Himmler gegen Ende des Jahres 1939 im neu geschaffenen Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammen, dessen Führung sein Adjutant Reinhard Heydrich übernahm. Nach der Aufdeckung der Verschwörung innerhalb der Abwehr verleibte das RSHA sich auch den militärischen Nachrichtendienst ein. Das Amt wurde so zum zentralen Machtinstrument Himmlers, dessen weiteren Aufstieg Göring zwar bremsen, aber doch letztlich nicht verhindern konnte. Irgendwann, so war ihm klar, musste er entweder einen Weg finden, Himmler dauerhaft an sich zu binden, oder es musste zur offenen Konfrontation kommen.

Verhältnis zum Militär

Die Führungsspitzen der Wehrmacht und ihrer Teilstreitkräfte (v.l.n.r.): Generalfeldmarschall Erhard MIlch (OKL), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (OKW), Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch (OKH), Großadmiral Erich Raeder (OKM)

Ein weiterer entscheidender Punkt auf Görings Agenda musste eine Klärung des Verhältnisses zur Wehrmachtsführung sein, insbesondere, nachdem die Verschwörung hoher Offiziere gegen den Führer im Rahmen der Sudetenkrise aufgedeckt worden und das Netzwerk der Verschwörer zerschlagen worden war. Viele Generäle misstrauten Göring und hielten ihn für einen unberechenbaren Intriganten - seine Rolle in der Blomberg-Fritsch-Krise war vielen noch in böser Erinnerung. Auch fürchteten viele, innerhalb der SS könne eine bewaffnete Gegenkraft zu den Streitkräften erwachsen, ein Ziel, das Heinrich Himmler seinerseits mit außerordentlicher Vehemenz verfolgte. Göring versicherte der Wehrmachtsführung das unbedingte Monopol der Wehrmacht auf die Landesverteidigung und untersagte vorläufig einen weiteren Ausbau der SS-Verfügungstruppe. Zudem hofierte er die Oberkommandierenden der Teilstreitkräfte, indem er Wilhelm Keitel (OKW), Walther von Brauchitsch (OKH) und Erhard Milch (OKL) in den Rang eines Generalfeldmarschalls und Erich Raeder (OKM) in den Rang eines Großadmirals beförderte. Erhard Milch - Görings Protégé und bisher Staatssekretär im Luftfahrtministerium - wurde anstelle Görings Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Seinen Führungsanspruch als oberster Befehlshaber der gesamten Wehrmacht unterstrich Göring, indem er per Erlass für sich selbst den neuen höchsten Dienstgrad des "Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches" schuf. Seine enge Verbindung zum Militär sollte auch darin deutlich werden, dass er ebenfalls per Erlass verfügte, dass er in offiziellen Dokumenten einheitlich als "der Reichsmarschall" anzusprechen sei. Auch wenn die Vorbehalte gegenüber Göring im Militär dadurch nicht beseitigt wurden, gelang es ihm doch zumindest, die Führungsspitzen der Streitkräfte an sich zu binden, die bei Göring immerhin darauf vertrauen konnten, ernsthaft respektiert zu werden und in ihm vor allem ein Bollwerk gegen die radikalen Kräfte innerhalb der NSDAP sahen.

Politische Agenda der neuen Reichsleitung

Den engeren Machtzirkel der neuen Führung bildete zunächst ein Triumvirat aus Göring selbst, Propagandaminister Joseph Goebbels und Parteiführer Rudolf Heß. Diese drei hielten einen Großteil der wesentlichen Zügel des Reiches in der Hand, nicht zuletzt alle Kanäle des Einflusses auf das Volk. Auf dem Reichsparteitag des Friedens vom 2. bis 11. September 1939, auf dem vor allem dem Ausland der anhaltende Friedenswille Großdeutschlands demonstriert werden sollte, wurde Göring als neuer starker Mann des Großdeutschen Reiches in Szene gesetzt und als Garant der Stabilität in Mitteleuropa.

Außenpolitik

Hermann Göring auf dem Reichsparteitag 1939, daneben Joseph Goebbels und Rudolf Hess

In seiner Eröffnungsrede, in der Göring zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit die Grundzüge seines Regierungsprogramms vorstellte, machte der Reichsmarschall deutlich, dass allein eine Stellung innerhalb der Weltpolitik des Großdeutschen Reiches würdig sei: Die einer Weltmacht! Dieses Ziel wolle er durch ein enges Zusammenstehen der mitteleuropäischen Staaten gegen die Sowjetunion im Osten wie gegen die ständigen Einmischungen Großbritanniens in kontinentaleuropäische Angelegenheiten im Westen erreichen. Entgegen der Linie Hitlers, der die deutsche Kolonialbewegung bewusst kleingehalten hatte, erneuerte Göring auch die Forderung nach einer bedingungslosen Rückgabe der deutschen Kolonien als Vorbedingung für eine Rückkehr Großdeutschlands in den Völkerbund.

Grundsätzlich zeigte er sich aber nach vielen Seiten dialogbereit, so z.B. gegenüber dem westlichen Nachbarn Frankreich. Er betonte, dass ein zweiter europäischer Krieg nicht im Interesse des Reiches liegen könne, man aber auch nicht vor der Selbstverteidigung zurückschrecken werde. In diesem Zusammenhang hob er besonders seine Verdienste um das Zustandekommen des Münchner Abkommens hervor, das 1938 einen eben solchen Krieg im letzten Moment vermieden hatte, und kündigte als einen wesentlichen Eckpfeiler seiner zukünftigen Politik gesamteuropäische Verhandlungen zur vollen Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker unter dem Leitbild des Ethnopluralismus an, also der Schaffung homogener Nationalstaaten vor allem in Osteuropa, wo in aller Regel Siedlungs- und Staatsgrenzen nicht miteinander übereinstimmten.

Duce Benito Mussolini und Reichsmarschall Hermann Göring bei einem Treffen in Rom, 1944

In den allgemeinen Leitlinien der Außenpolitik band sich Göring in einer Weise an Spanien und Italien, die Hitler niemals in den Sinn gekommen wäre. Der Führer hatte für seinen Verbündeten kaum etwas anderes als Verachtung übrig. Mussolini und Franco waren für ihn ein notwendiges Übel, aber niemals ebenbürtig. Das änderte sich unter Göring vollkommen. Er war mit beiden Diktatoren persönlich befreundet und darüber hinaus stand er ihnen ideologisch deutlich näher als Hitler. So verwendete Göring viel Energie darauf, ein enges Bündnis der faschistischen Staaten in Europa und darüber hinaus zu schmieden, um, wie es bereits das Kaiserreich versucht hatte, einen "Block der Mittelmächte" gegen West und Ost gleichermaßen zu bilden. Dem daraus entstehenden "Kontinentalblock" unter deutscher, italienischer und spanischer Führung traten bald auch andere Staaten bei: Die Slowakei (1940), Ungarn (1940), Estland (1941), Lettland (1941), Rumänien (1942) und Bulgarien (1942). Görings Werben um eine polnische Beteiligung traf in Warschau hingegen nicht auf Gegenliebe. Dafür intensivierte das Reich seine Beziehungen nach Südamerika, wo unter anderem in Brasilien und Argentinien faschistisch-militaristische Regimes bestanden. Großdeutschland geriet dort bald in einen Interessenskonflikt mit den Vereinigten Staaten, die gemäß der Monroe-Doktrin eine Schutzmachtstellung gegenüber den südamerikanischen Staaten und ein Interventionsrecht beanspruchten.

Nationalitätenpolitik

Spruchband am Eingang eines Erstaufnahmelagers für Aussiedler aus Osteuropa, 1941

Da Göring damit implizit Bevölkerungsverschiebungen den Vorzug vor Gebietsveränderungen gegeben hatte - obwohl dies vor allem den Polen keinesfalls so eindeutig schien - wurde die medial vielbeachtete Initiative von den übrigen europäischen Staaten größtenteils wohlwollend aufgenommen. Eine gesamteuropäische Konferenz kam indes nicht zustande, sodass Göring sich darauf verlegte, Umsiedlungsverträge mit einzelnen Ländern (die ersten noch 1939/40 mit Italien, Estland und Lettland) abzuschließen. Theoretisch ermöglichten diese Verträge den Angehörigen nationaler Minderheiten in den jeweiligen Staaten die freie Entscheidung darüber, ob sie die ihrer Volkszugehörigkeit entsprechende Staatsangehörigkeit annehmen und übersiedeln, oder ob sie an ihren angestammten Wohnorten verbleiben wollten. In der Realität ging mit dem Abschluss dieser Verträge jedoch auch das stillschweigende Einverständnis der Vertragsparteien zu einer entsprechenden Homogenisierungspolitik einher, die diskriminierende Maßnahmen gegen die Sprachen der Minderheiten und deren Kultureinrichtungen ebenso umfasste wie Benachteiligungen im öffentlichen und beruflichen Leben, sodass der Verbleib mehr und mehr zu einer fiktiven Wahlmöglichkeit wurde.

Parallel dazu trieb die Regierung Göring die Germanisierung des Reichsgebietes voran. Insbesondere im Protektorat Böhmen und Mähren entstanden nun in großer Zahl deutsche Siedlungen, die dem Zugriff der Protektoratsverwaltung entzogen waren (sie wurden stattdessen administrativ den umliegenden Reichsgauen Sudetenland, Ober- und Niederdonau unterstellt) und wie befestigte Enklaven die böhmischen Lande durchsiebten. Dafür wurden in großer Zahl tschechische Bauern enteignet. Viele dieser Siedlungen umgaben hohe Mauern mit Stacheldraht und Wachtürmen; die SS übernahm ihren Schutz gegen die aufgebrachten tschechischen Nachbarn. In der deutschen Bevölkerung wurde das Protektorat bald als "Reichsemmentaler" verulkt. Die Siedlungspolitik sollte ein erster Schritt zur vollständigen Germanisierung der böhmisch-mährischen Lande sein, die eine Ausschaltung der autochthonen tschechischen Kultur und eine Integration der "germanisierungswürdigen" Bewohner des Protektorats einschloss. Jeder Hinweis auf ein vom Großdeutschen Reich getrenntes Staatsgebilde oder gar ein eigenes Nationalbewusstsein sollte restlos getilgt werden.

Gegen diese Maßnahmen regte sich erbitterter Widerstand der Tschechen, der sich immer wieder in Massendemonstrationen, Streiks und zivilem Ungehorsam, später auch immer wieder in bewaffneten Aufständen, äußerte. In insgesamt drei Volksaufständen (národné povstanie) versuchten die Tschechen, die deutsche Herrschaft abzuschütteln. Immer wieder gab es auch nachgiebige Phasen der deutschen Siedlungspolitik, die dem Protektorat mehr Freiheiten in der Gestaltung seiner Innenpolitik zugestanden, die sich regelmäßig mit Phasen brutaler Unterdrückung abwechselten.

Judenverfolgung

Eingangstor eines jüdischen Ghettos im Großdeutschen Reich, 1943

In der Judenpolitik setzte die neue Reichsleitung den Kurs Hitlers in weiten Teilen ungebrochen fort. Auch nach 1939 folgten weitere Maßnahmen gegen die im Reich verbliebenen Juden, wie die Aushöhlung des Rechtsschutzes, die fortschreitende Ghettoisierung und die Enteignung von Privatvermögen. Die Volkszählung am 17. Mai sicherte personenbezogene Daten zur Auswertung und anschließenden Erstellung einer "Judenkartei". Mit der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" wurd eine staatlich kontrollierte jüdische Einheitsgemeinde öffentlichen Rechts geschaffen. Mehr und mehr wurden die Juden auf Betreiben Görings in eigenen Stadtvierteln (Ghettos) angesiedelt und so vollends von der übrigen Bevölkerung separiert. Derweil förderte das Regime weiter die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung. So konnten im Sommer 1939 etwa 10.000 Juden von Emden und Hamburg aus Deutschland verlassen und nach Palästina übersiedeln. Durch das Ha'avara-Abkommen mit den jüdischen Behörden in Palästina konnten diese Bevölkerungstransfers beiderseitig abgesichert und die zur Ausreise notwedige Reichsfluchtsteuer aufgebracht werden, obgleich das Abkommen innerjüdisch massiver Kritik ausgesetzt war und die Verantwortlichen um David Ben-Gurion sich den Vorwurf des "Verrats am Weltjudentum" gefallen lassen mussten. Im August 1945 erklärte Reinhard Heydrich, der Leiter der Reichszentrale für jüdische Auswanderung, das Großdeutsche Reich offiziell für "judenfrei".

Wirtschaftspolitik

Die "Reichswerke Hermann Göring" in Salzgitter, gegründet zur Verhüttung minderwertigen Eisenerzes

Diese bevölkerungspolitischen Abkommen wurden in vielen Fällen auch durch bilaterale Handelsverträge im Clearing-System flankiert, die Wirtschaftsminister Funk aushandelte, um den Warenhandel - und dabei vor allem die Rohstoffimporte des Reiches - von Devisen unabhängiger zu machen. Dies war angesichts der bedrohlich fragilen Situation der deutschen Volkswirtschaft auch dringend nötig. Hitler hatte im Jahr 1936 ein großangelegtes Programm, den sogenannten Vierjahresplan, auf den Weg gebracht, um gleichermaßen Deutschlands Kampfbereitschaft wie auch einen möglichst hohen Grad an Autarkie für die deutsche Wirtschaft zu erreichen. Bis 1940 hatten diese Pläne nicht nur eine beispiellose Aufrüstung erlaubt, sondern auch tatsächlich in einigen Bereichen wie z.B. Erzen und Legierungen, Nahrungsmitteln und Baustoffen einen hohen Grad an Autarkie tatsächlich herstellen können. In anderen Feldern, so vor allem bei der Versorgung mit Öl und Gas, blieb das Großdeutsche Reich aber weiterhin massiv von Importen abhängig. Die Forschung auf dem Gebiet der synthetischen Ersatzkraftstoffe erwies sich auch weiterhin als fruchtlos. So wurden in der Folge auch die Versuche intensiviert, zusätzliche Ölfelder auf deutschem Boden bzw. in deutschen Hoheitsgewässern zu finden. Insbesondere in der Nordsee fanden umfangreiche Probebohrungen statt, die vor allem im Holsteinischen Wattenmeer Bestände zutage förderten. So konnte das Fördervolumen in den folgenden Jahren zwar signifikant gesteigert werden, hielt aber mit der Entwicklung des Bedarfs nicht ansatzweise Schritt. Dies sollte sich in dem Moment als fatal erweisen, in dem die letzten - nur durch die Annexion Österreichs und der Tschechei noch einmal kurzfristig gestreckten - Devisenreserven des Reiches aufgebraucht waren. Schon seit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft gab das Reich deutlich mehr Geld aus, als es einnahm. Die staatlich regulierte Preisfestlegung für inländische Produkte verschleierte weitgehend effektiv den Zustand der Finanzwirtschaft.

Zu Beginn der 40er Jahre hin wurde die finanzielle Situation des Reiches immer bedrohlicher. Neue Devisenreserven waren praktisch nicht mehr zu erhalten, die Ausfuhren gingen durch internationale Boykotte stetig zurück und die Versorgung mit für die Wirtschaft dringend benötigten Rohstoffen stockte. Auch die Versorgung mit Grundbedarfsgütern gestaltete sich immer schwieriger. Dem Reich stand der finanzielle Kollaps bevor. Die internationale Zahlungsunfähigkeit wiederum hätte den Zusammenbruch der Volkswirtschaft, eine Hyperinflation und eine Versorgungskrise zur Folge gehabt.

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