Alternativgeschichte-Wiki
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Der Himmlerputsch (auch Himmler-Heydrich-Putsch, Novemberputsch oder in der Planungsphase Zweite Machtergreifung genannt) war ein Umsturzversuch radikaler Kräfte innerhalb der NSDAP und der SS gegen die Reichsregierung unter Hermann Göring, der sich zu diesem Zeitpunkt zusammen mit seinem Stellvertreter Paul Körner auf Staatsbesuch bei Benito Mussolini aufhielt. Auch wenn der Reichsführer-SS Heinrich Himmler und der Stellvertreter des Führers Rudolf Heß nominell als Anführer des Putsches galten, orchestrierte im Hintergrund vor allem Himmlers Stellvertreter Reinhard Heydrich den Ablauf.

Als Auftakt zur Machtübernahme wähle man den 8. November 1943, den 20. Jahrestag des Marsches auf die Feldherrenhalle, des gescheiterten Hitlerputsches von 1923. Bereits seit vielen Jahren hatte Reichsmarschall Hermann Göring - seit 1939 Nachfolger Hitlers als Führer und Reichskanzler - nicht mehr persönlich an der zentralen Gedenkfeier im Bürgerbräukeller in München teilgenommen, was viele alte NSDAP-Kader erzürnte und als Affront gegenüber den Blutzeugen der Bewegung empfunden wurde, zu denen Göring selbst ebenfalls zählte. Traditionell ließ sich Göring bei diesem Anlass vom Stellvertreter des Führers Rudolf Heß vertreten, der seit dem Tod Hitlers de facto als Parteichef agierte - eine Aufgabe, um die sich der Reichsmarschall nie ernsthaft bemühte, was ebenfalls als Geringschätzung der Partei aufgefasst wurde.

In den ersten beiden Tagen des Aufstandes gelang es den Putschisten unter Federführung von Heydrich zunächst, einen beträchtlichen Teil des Reiches unter Kontrolle bringen, während Göring in Rom ausharren musste. Einige seiner engsten Mitarbeiter wurden verhaftet. Das Heer unter seinem Oberbefehlshaber, Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, unternahm zunächst nichts, um die Machtübernahme der Putschisten zu verhindern. So konnten Heß, Himmler und Heydrich zunächst am Morgen des 10. November unbehelligt in die Reichskanzlei einziehen und sich in einer Radioansprache an das Volk wenden.

Erst als Rudolf Heß, der persönlich nach Italien gereist war, um Görings Auslieferung zu erwirken, dort auf Betreiben Graf Cianos festgesetzt worden war, während Göring selbst über den Brenner und mit italienischer Unterstützung wieder deutschen Boden betreten und von Brauchitsch im gesamten Reichsgebiet die unmittelbare vollziehende Gewalt übertragen hatte, um den Aufstand niederzuschlagen, wendete sich das Blatt gegen die Putschisten. Am 10. und 11. November konnten die Wehrmacht und die mittlerweile zu Göring übergelaufene Ordnungspolizei unter Alfred Wünnenberg die Kontrolle der Reichsregierung wiederherstellen. In mehreren Städten kam es zu heftigen Straßenschlachten zwischen Wehrmacht und SS, bis schließlich am Abend des 11. November mit der Leibstandarte Adolf Hitler und den schwer bewaffneten SS-Verfügungstruppen im Berliner Regierungsviertel die letzten Aufständischen kapitulierten.

Die Herrschaft Görings war dadurch noch einmal gesichert und Partei und SS wurden als eigenständiges Machtzentrum beseitigt, allerdings saß der Schock beim Reichsmarschall über die Vorgänge so tief, dass er sich anschließend immer stärker ins Privatleben zurückzog und nur noch selten öffentlich in Erscheinung trat. Auch seine Morphinsucht verschlimmerte sich in den Folgejahren zusehends. Die Führung des Reiches lag seitdem weitgehend in den Händen von Paul Körner, Karl Bodenschatz und Erich von Manstein, der zusätzlich zu seinem unmittelbaren militärischen Zugriff auf die Reichsverwaltung auch noch zum Generalbevollmächtigten für die Reichsverwaltung ernannt wurde. Die Gauleiter befanden sich fast alle im Gewahrsam der Wehrmacht, ihre Dienststellen wurden vorübergängig von Militärbeamten übernommen. Das Großdeutsche Reich wandelte sich in der Folge endgültig von einem ideologisch fundierten faschistischen Staat zu einer klassischen Militärdiktatur.

Ausgangslage

Nach der Amtsübernahme Hermann Görings wurde der Einfluss der Partei auf den Staat schrittweise zurückgefahren. Zwar hatte sie immer noch wesentliche Mitspracherechte bei der Besetzung von Posten auf kommunaler Ebene und stellte häufig in Personalunion durch ihre Gauleiter auch die Reichsstatthalter oder Gauhauptmänner der Reichsgaue, doch führte dies - ganz im Sinne von Görings Vorstellung eines Staats-Absolutismus - mehr zu einer Verstaatlichung der Partei als zu einer Kontrolle des Staates durch die Partei. Ihre Organisationsstruktur wurde immer weiter entkernt und v.a. die Reichsleiter den für ihre Sachgebiete zuständigen Gebieten als Staatssekretäre zugeordnet. Ein zusammenhängendes Gebilde NSDAP bestand zum Ende der 40er Jahre faktisch nicht mehr. Die Hitlerjugend ähnelte mit der Zeit eher den früheren Pfadfindergruppen und führte die Kinder und Jugendlichen an Selbstständigkeit, Naturverbundenheit und Sport heran. Auch die Besetzung der Führungsriege des Regimes hatte sich in den Jahren unter Göring massiv gewandelt, seitdem er 1939 Paul Körner mit seinem Super-Ministerium zum zweitmächtigsten Mann im Reich gemacht hatte. Unter Körner und dessen Staatssekretär Karl Bodenschatz etablierte sich ein vornehmlich von Technokraten gesteuertes System, das mit dem revolutionären Nationalsozialismus Hitlers immer weniger Berührungspunkte hatte.

Spannungen mit Rudolf Heß und der Partei

Diese Entwicklung stieß innerhalb der Partei auf entschiedenen Widerspruch, der sich auch darin äußerte, dass die Reichstagsfraktion immer selbstbewusster wurde und seit dem Tod Hanns Kerrls nicht selten in Opposition zur Reichsregierung stand. In den Jahren seit 1939 hatte der Reichstag nicht weniger als 43 Führererlasse bzw. Notverordnungen Görings außer Kraft gesetzt und verweigerte ihm bisweilen über Monate die Gefolgschaft bei regulären Gesetzgebungsverfahren, um ihm an anderer Stelle Zugeständnisse abzuringen. So wurde die Reichsregierung in ständigen Rückzugsgefechten mit der Partei aufgehalten. Ohnehin hatten die radikaleren Protagonisten der Parteihierarchie Göring nie als überzeugten Nationalsozialisten akzeptiert. Für sie war er vor allem der Militär, nicht konsequent genug nationalsozialistisch und durch Opportunismus in Amt und Würden gelangt. Besonders Rudolf Heß, dem Göring zwar de facto die Führung der Partei überließ, gleichzeitig aber ihre Strukturen immer mehr untergrub, zeigte sich besorgt über seinen weitgehenden Machtverlust. Für Rudolf Heß, der sich bereits unter Hitler als "Puritaner der Bewegung" einen Ruf als spartanischer Minimalist erworben hatte, der vor allem auch Prunksucht und Korruption in den eigenen Reihen stets gegeißelt hatte, kam als gewichtiges Argument für seine Beteiligung hinzu, dass Göring selbst einen königsgleichen Lebensstil pflegte, sich über die Jahre zahlreiche Kunstschätze für seine private Sammlung auf Gut Carinhall und Burg Mauterndorf zusammengerafft hatte und auch sonst Heß' strengem Moralkodex in keiner Weise gerecht werden konnte.

So war es Heydrich ein Leichtes, Heß für den Umsturz zu gewinnen. Darin wurde dieser insbesondere von seinem machtbewussten Stabsleiter Martin Bormann bestärkt, der zum engsten Verschwörerkreis um Heydrich gehörte. Bormann, der nach dem Tod Hitlers zum eigentlichen Hauptorganisator der NSDAP aufgestiegen war und den Stellvertreter des Führers, der mit den Jahren immer stärker schizophrene Züge entwickelte und durch andauernde Kopfschmerzen häufig kaum ansprechbar war, immer mehr in eine zeremonielle Rolle abgeschoben hatte, verfügte nach Himmler wohl über die größten Ressourcen für einen Staatssreich. Auch machte er sich Hoffnungen, as Kanzleichef oder durch ein Ministeramt in die zentralen Schaltstellen der Macht vorzudringen.

Spannungen mit Heinrich Himmler und der SS

Heinrich Himmler bei der Inspektion der SS-Verfügungstruppen, 1941

Görings schärfster Konkurrent war allerdings Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, der mit der Schutzstaffel nicht nur den paramilitärischen Arm der Partei kontrollierte, sondern zudem seit 1936 auch Chef der Deutschen Polizei war und somit den gesamten Apparat der inneren Sicherheit im Griff hielt. Zudem verfügte er über Zugriff auf die Geheimdienste und ein ausgedehntes Spitzelnetzwerk. Himmler hatte in den Jahren unter Hitler massiv an Macht gewonnen und dabei unter Anderem auch Göring selbst Pfründe gekostet. Bereits 1934 waren die beiden Granden aneinander geraten, als Göring in seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident gegen mehrere KZ-Kommandeure und Wachleute wegen der Misshandlung Gefangener ermitteln ließ. Freilich ging es ihm dabei nicht um deren Wohl, sondern darum, den Machtzuwachs der SS nach dem Röhm-Putsch bestmöglich einzudämmen. Strittig war mit Himmler vor allem die Kompetenzverteilung zwischen Innenminister und Chef der Polizei. Formal war Himmler dem Innenminister unterstellt, in der Realität agierte der Reichsführer SS jedoch weitgehend losgelöst von den staatlichen Strukturen des Ministeriums. Unter seinem Stellvertreter Reinhard Heydrich waren die formal eigenständigen Strukturen der Sicherheitspolizei (Kripo und Gestapo) und des Sicherheitsdienstes der SS (SD) in Personalunion verbunden. Göring versuchte vor allem, Himmler dadurch zu untergraben, dass er Heydrich Avancen machte und ihn hinter seinem Rücken mit Spezialaufträgen versorgte, die mittelfristig den Weg zu einer Ablösung Himmlers eben könnten. Himmler war seiner esoterischen Neigungen wegen in der SS keineswegs unumstritten. Auch unterstellte er Sicherheitspolizei und SD dem neuen Ministerium für Angelegenheiten des Reichsverteidigungsrates unter Paul Körner, was Körner zum Vorgesetzten Reinhard Heydrichs im Bereich der Gestapo und des SD machte und den direkten Zugriff Himmlers auf die Geheimdienste - zumindest in der Theorie - unterbinden sollte. Dadurch wurde die Position Himmlers geschwächt, der in der Folge um seinen Machterhalt ringen mussten.

Er profitierte am Meisten von der Rivalität zwischen Göring und Himmler: Reinhard Heydrich (rechts), Chef der Sicherheitspolizei und des SD, 1942

Dem Reichsführer-SS blieben die Bestrebungen Görings, ihn auszubooten, nicht verborgen. Insbesondere über seine Kontakte zur Wirtschaft versuchte Himmler in den kommenden Monaten, politischen Druck auf Göring auszuüben und ihm Zugeständnisse abzupressen, was wiederum im Reichstag zu Spannungen führte, die auch der Öffentlichkeit nicht entgingen. Im Bereich der Polizei betrieb er systematisch die Ablösung aller bislang noch im Amt befindlichen Polizeikommandanten aus den Reihen der SA. Auch das restliche Beamtenkorps wurde nach und nach ausgesiebt. Irgendwann, so war beiden klar, mussten sie entweder einen Weg finden, sich zu arrangieren, oder es musste zur offenen Konfrontation kommen.

Was Göring in seinen taktischen Plänen allerdings entging, war der Umstand, dass Heydrich keineswegs daran dachte, sich von Himmler loszusagen - zumindest nicht, solange er ihn noch brauchen konnte. Mit seinen Angriffen auf Himmler gab er stattdessen genau dem falschen Mann die richtigen Mittel in die Hände gab, die dieser brauchte, um seine eigenen Ziele voranzutreiben. Heydrich war wie kein Zweiter kaltblütig und fanatisch, das Idealbild des Nationalsozialisten, den Hitler sich erträumt hatte. Sein Fanatismus ging, so hielten sich Gerüchte, sogar so weit, dass er selbst Hitler für zu schwach hielt, das Nötige zu unternehmen, um das Reich im Sinne der Ideologie zum Erblühen zu bringen. Im engsten Bekanntenkreis wurden ihm Ambitionen nachgesagt, eines Tages selbst die Staatsführung zu übernehmen und bis dahin systematisch jede Chance zu ergreifen, die sich ihm bot, die Ausgangslage für einen solchen Versuch zu verbessern.

Görings Dauerkonflikt mit Himmler konnte Heydrich so insofern zu seinem Vorteil nutzen, als er den Reichsführer-SS so gerade angesichts regelmäßiger Gefälligkeiten des Reichsmarschalls seiner fortwährenden Treue versichern konnte. Dass sich Himmler mit der Zeit in eine völlig Abhängigkeit von Heydrich manövrierte, indem dieser immer wieder mit den Zuwendungen Görings und einer möglichen Beförderung Druck aufbauen konnte, erkannte er nicht. So bewahrheiteten sich letztlich in katastrophaler Weise die Einschätzung des Reichsmarschalls, der Himmler einmal als "strunzdoof" bezeichnet hatte. Auch der ursprünglich von Hermann Göring stammende Satz "Himmlers Hirn heißt Heydrich" wirkte so im Nachhinein prophetisch. Himmler wurde manipulier- und erpressbar und stellte sich so eher durch sein Unvermögen, sich aus der Umklammerung Heydrichs zu lösen, als durch eigenen Entschluss als nomineller Anführer des Putsches zur Verfügung.

Machtverfall der Regierung Göring

Das Großdeutsche Reich musste sich unter der Herrschaft Görings in den Jahren seit seinem Amtsantritt mit mehreren großen Krisen und politischen Umwälzungen auseinandersetzen. Zusätzlich verstärkten sich mit fortschreitender Amtsdauer Görings Risse im vermeintlich monolithischen Gefüge des NS-Staates. Die einzelnen Reichsminister wurden immer selbstbewusster und nutzten ihre Verordnungskompetenz, um direkt in ihrem Sinne auf die Reichsverwaltung einzuwirken. Wo ein Sachthema mehrere MInisterien berührte, kam es nicht selten zu inhaltlichen Konfrontationen zwischen den MInisterien, die sich widersprechende Anweisungen an die ihnen unterstellten Behörden weitergaben.

Göring versuchte das Problem dadurch zu lösen, dass er innerhalb der Reichsregierung zum klassischen Kollegialpinzip zurückkehrte und alle auftretenden Fragen in der großen Runde diskutiert wurden. Er entkleidete sich damit - nicht ohne Risiko, aber im vollen Bewusstsein der realen Machtverhältnisse - seiner diktatorischen Allmacht. Faktisch bestand sie ohnehin nicht. Wenngleich Görings Führungsposition nicht offen zu Debatte stand, war doch sowohl im Inland als auch im Ausland allen klar, dass er nicht das Charisma besaß, das nötig war, um die übrige Führung dauerhaft an sich zu binden. Dem Reichsmarschall fiel es, auch aufgrund seines Gesundheitszustandes (er war seit einer medizinischen Behandlung nach dem gescheiterten Hitlerputsch 1923 morphinabhängig), immer schwerer, einen Ausgleich zwischen den auseinanderdriftenden Vorstellungen herzustellen, wie der Nationalsozialismus zu funktionieren habe.

Ein wesentliches Problem sollte die Regierungsarbeit Görings nachhaltig belasten: Das Auslaufen des Ermächtigungsgesetzes durch den Tod des Führers und deren Folge, dass "die gegenwärtige Reichsregierung durch eine andere abgelöst" wurde. Das führte für die Regierungsarbeit zu der paradoxen Situation, dass die Reichsregierung durch das Gesetz über den Neuaufbau des Reiches zwar weiterhin die Kompetenz hatte, verfassungsändernde Gesetze zu beschließen, einfache Gesetze aber fortan wieder nur mit einer Mehrheit im Reichstag möglich waren, die aber von Kompromissen unter den Paladinen und dem Wohlwollen der Abgeordneten abhängig war. Versuche, ein neues Ermächtigungsgesetz beschließen zu lassen, führten nicht zum Ziel, hatten doch die Reichstagsabgeordneten mehrheitlich kein Interesse, einem so linienfernen Protagonisten wie Göring - er war innerhalb der Partei als Opportunist verschrien - ein solches Machtmittel einfach an die Hand zu geben. Göring hatte zwar prinzipiell durch das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten nach wie vor die Möglichkeit, per "Führererlass" zu regieren, doch waren solche Erlasse wiederum davon abhängig, dass der Reichstag sie nicht nachträglich kippte. In den ersten Monaten nach dem Amtsantritt Görings funktionierte dieses Instrument noch relativ zuverlässig, doch mit der Zeit wurden die entstehenden Fraktionen im Reichstag immer selbstbewusster. Das politische System erlitt dadurch eine gewisse Versteinerung und nahm der neuen Führung die Flexibilität.

Der Großdeutsche Reichstag, in dem die NSDAP seit 1933 die einzige Fraktion stellte, war in den vergangenen Jahren in große Konfusion geraten, obgleich er nach dem Auslaufen des Ermächtigungsgesetzes durch den Tod Hitlers notwendiger gebraucht worden wäre denn je. Denn durch diesen Umstand war die Reichsregierung wieder auf das ordnungsgemäße Gesetzgebungsverfahren durch den Reichstag zurückgeworfen, das in der Folge aber nur mäßig gut funktionierte. Einige Abgeordnete unterstützten den gemäßigten Kurs von Göring, andere neigten einer radikaleren Linie zu, wie sie vor allem Heinrich Himmler, Julius Streicher und Alfred Rosenberg vertraten. Wieder andere wollten sich auf keine Seite schlagen und hofften auf ein Signal der Stärke vonseiten des Parteiführers Rudolf Heß. Daher regierte die Reichsregierung de facto auf Grundlage des Notverordnungsrechts des Reichspräsidenten und musste darauf hoffen, dass der Reichstag diese Verordnungen nicht aufhob. Das Regieren wurde so für Göring zu einem Drahtseilakt, ein Absturz schien stets möglich. Auch die Reichsregierung zerstritt sich immer wieder, sodass zahlreiche Gesetzesvorhaben erst nach langer Diskussion und in vielen Fällen auch durch Kuhhandel unter den Ministerien zustande kamen.

Die Ideologische Klammer, die der Nationalsozialismus unter Hitler dargestellt hatte, schien längst überdehnt. Die Partei als Trägerin der Bewegung beschränkte sich zum Großteil auf die Verwaltung des Status Quo und war als nennenswerter Machtfaktor weitestgehend ausgefallen, was Göring keineswegs nicht ungelegen kam. An der Stelle der harten Hand Hitlers hatte sie sich einer Kakophonie sehr heterogener und häufig gegensätzlicher Denkmodelle ergeben, die sich um Parteiposten stritten und im Reichstag gegeneinander anschrien.

Der Volksaufstand von 1942 und die Folgen

Demonstration gegen die Rüstungspolitik des Reiches, März 1942

In den Jahren seit 1939 hatte Göring zwar oberflächlich innerhalb des Regimes an Macht gewonnen und SS und NSDAP vermeintlich an die Leine gelegt, insgesamt zeigte die NS-Herrschaft aber - zumal an der Spitze - deutliche Verfallserscheinungen; dies nicht zuletzt aufgrund der katastrophalen Wirtschaftslage infolge der vorangegangenen Aufrüstungs- und Autarkiepolitik, die schließlich zur Zahlungsunfähigkeit und einer schweren Versorgungskrise geführt hatten. Der seit April 1939 amtierende Regierung Hermann Görings war es nicht gelungen, die wirtschaftlichen Probleme des Reiches zu lösen. Seit 1941 begannen die Arbeiter, gegen die durch Kurzarbeit bedingten faktischen Lohnkürzungen und später gegen die Rüstungspolitik zu protestieren und schließlich auch zu streiken, während die breite Mehrheit der Bevölkerung die wirtschaftliche Misere zunächst vor allem durch die Einführung von Rationskarten zu spüren bekam, deren Gegenwert sich im Laufe der Zeit immer mehr verknappte.

Niederschlagung des Volksaufstands 1942

Schließlich mündeten die Unruhen in der Bevölkerung am Tag der nationalen Arbeit, dem 1. Mai 1943, in einen unkoordinierten Generalstreik, der die Reichsregierung zwang, in ihrer Wirtschaftspolitik radikal umzudenken. Dennoch eskalierte zuvor an mehreren Orten die Gewalt und das zur Befriedung der Lage eingesetzte Militär eröffete das Feuer auf gewaltbereite Demonstranten. Dem Ende der Volkserhebung folgte zunächst eine reichsweite Verhaftungswelle. 5.277 Personen erhielten zum Teil langjährige Zuchthausstrafen oder landeten in den Konzentrationslagern. Als Verurteilte des 1. Mai wurden sie auf ihrer Kleidung durch ein großes "X" kenntlich gemacht und in der Haft oft besonders schlecht behandelt. 11 Personen wurden zum Tode verurteilt.

Indirekt bereiteten der Volksaufstand und der anschließende radikale Kurswechsel der Reichsregierung jedoch auch den Boden für eine Annäherung an die Westmächte. Dem neuen britische Premierminister Halifax, der nach dem Tod Neville Chamberlains dessen Nachfolger geworden war, lag viel daran, die militärische Stärke des Reiches gegen Stalin auf seiner Seite zu wissen. Großbritannien befand sich bereits seit 1940 im Krieg mit der Sowjetunion, der sich weiter ergebnislos hinschleppte. Um Unterstützung in diesem Kampf zu gewinnen, war man bereit, weit auf das Großdeutsche Reich zuzugehen und insbesondere auch über eine Rückgabe der deutschen Kolonien zu verhandeln, die 1944 im Zusammenhang mit einem neuen Deutsch-Britischen Freundschaftsvertrag schließlich erfolgte.

Dieses unverhoffte Zusammengehen mit Großbritannien, dem sich insbesondere Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop entschieden entgegenstellte, löste in den radikaleren Parteikreisen heftigen Widerstand aus. Dem Volk der "Führermörder" dürfe nicht getraut werden, stattdessen solle alles dafür unternommen werden, die Briten "ins Meer zu werfen". Auch der Reichstag verurteilte in einer Resolution das Vorgehen des Reichsmarschalls. Er wurde daraufhin von Göring aufgelöst und schrumpfte bei der Neuwahl durch eine deutlich geringere Wahlbeteiligung. Dies war ein Effekt des Wahlsystems, das die Zahl der Abgeordneten von der Menge der abgegebenen Stimmen abhängig machte, und wurde in den folgenden Jahren eine Art Stimmungsbarometer für und für viele zugleich ein Protestmittel gegen die Reichsführung.

Das Ende der "nationalen Revolution"

Hermann Göring bei seiner Rede zum 10. Jahrestag der Machtergreifung, 30. Januar 1943

Den entscheidendsten Anstoß lieferte jedoch Görings Ausgestaltung der Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der Machtergreifung am 30. Januar 1943. In einer national wie international viel beachteten Rede, in der er nicht nur die Erfolge Hitlers, sondern auch sehr deutlich die Fehler der ersten Jahre benannt hatte, skizzierte er seinen Fahrplan für die nächsten zehn Jahre.

Erstmalig bekannte er sich der Reichsmarschall darin auch öffentlich zu seinen politischen Grundpositionen, insbesondere zu der Überzeugung, dass es mit erfolgtem Umbau des Staates einer äußeren regulierenden Kraft wie der NSDAP nicht mehr bedürfe. Vielmehr habe die nationalsozialistische Bewegung ihre Aufgabe als Übergangsstadium vom "Parteienfilz" von Weimar zum "wahrhaft nationalen Einheitsstaat" nunmehr erfüllt. In diesem Sinne erklärte er auch die einst von Hitler selbst ausgerufene "Nationale Revolution" für abgeschlossen.

Den Parteiminister Rudolf Heß forderte Göring auf, eine Säuberungsaktion nicht nur in der SS, sondern darüber hinaus in allen Gliederungen der Partei mit dem Ziel durchzuführen, den Parteiapparat „von Elementen, an denen das Volk mit Recht Anstoß nimmt", zu befreien. Seine Auseinandersetzungen mit Heß, Himmler und Rosenberg in machtpolitischen und ideologischen Fragen wurden im Ausland mit Interesse zur Kenntnis genommen und erweckten hier den Eindruck, daß sich Göring zunehmend von den Parteikreisen entferne und wilhelminisch-soldatischen Positionen zuneige.

Für Heß, Himmler, Heydrich und andere bedeutete dies einen direkten Angriff auf die Existenz der Partei und auf Hitlers Vermächtnis, mit dem sich Göring selbst delegitimiert habe. Ein entschiedenes Auftreten und Handeln schien ihnen nun unumgänglich.

Planungen für den Staatsstreich

To be continued...

Verlauf des Staatsstreiches

10. November

Fortsetzung folgt...

Hitlers Testament

So stellte sich die ausländische Presse die Situation im Großdeutschen Reich vor: Göring, Goebbels und der Teufel verschwören sich aus gekränktem Ego heraus gegen den eigentlichen Hitler-Nachfolger Heinrich Himmler

Am Morgen des 10. November war die Reichshauptstadt von den Putschisten gesichert worden und alle Rundfunksender sowie die Regierungsgebäude befanden sich unter ihrer Kontrolle. Ihres Erfolgs sicher traten sie in einer bereits am Vorabend über die Zeitungen angekündigten "epochalen Verkündigung" vor die Mikrofone. Dort erklärte zunächst der Chef der Kanzlei des Führers, Philipp Bouhler, dass im Sommer ein ursprüngliches politisches Testament Adolf Hitlers aufgetaucht sei, das aufgrund eines Staatsstreiches durch Hermann Göring bislang hatte verborgen gehalten werden müssen. In Wahrheit habe Hitler nicht Göring, sondern stattdessen Heinrich Himmler zum Nachfolger des Führers im Staat und Rudolf Heß zum Nachfolger des Führers in der Partei ernannt. Das Testament - in Bouhlers Handschrift und von Hitler persönlich unterschrieben und besiegelt - war eine Fälschung, die Reinhard Heydrich ins Werk gesetzt hatte, um die Glaubwürdigkeit des Reichsmarschalls zu unterminieren. Diese hatte ohnehin seit vielen Jahren unter Gerüchten über seine eigene Beteiligung oder Mitwisserschaft am Anschlag auf Hitler gelitten. So konnte Heydrich an dieser Stelle geschickt auf bereits vorhandenen Ressentiments aufbauen.

Anschließend erklärten Himmler und Heß, in enger Kooperation und gleichberechtigt das wahre Vermächtnis Adolf Hitlers erfüllen und dazu Partei und Staat von "Emporkömmlingen", "Gesinnungsschwachen" und "geistigen Schrebergärtnern" säubern zu wollen. Die SS begann schon in der Nacht mit einer groß angelegten Verhaftungswelle, in deren Zuge auch einige der wichtigsten Reichsminister - allen voran Innenminister Frick - sich im Gewahrsam Heydrichs wiederfanden. Görings wichtigster Vertrauter im Reich, Staatssekretär Karl Bodenschatz, war jedoch bereits am Vortag untergetaucht und unauffindbar. Im Laufe des Vormittags bekannten sich zahlreiche ranghohe Führungskräfte des Reichs zu Himmler und Heß, darunter der stellvertretende Luftwaffenchef Erhard Milch, Landwirtschaftsminister Herbert Backe, Chefideologe Alfred Rosenberg, Stürmer-Herausgeber Julius Streicher und die Mehrheit des Großdeutschen Reichstags unter dessen Präsidenten Hermann Esser, einem von nur fünf Duzfreunden Hitlers.

Verlauf der Militärintervention in den Wehrkreisen

Auch auf dem Land marschierten im Laufe des Nachmittags des 10. November die Wehrkreiseinheiten auf

Während in Berlin die Regierungszentrale gesichert wurde, alarmierte das Oberkommando des Heeres auch die Wehrkreise und gab den Befehl weiter, gegen Einrichtungen der SS in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet vorzugehen, um den Putschversuch niederzuschlagen. Die Nachricht vom Putschversuch der SS unter Himmler verbreitete sich in Windeseile im gesamten Reichsgebiet. Die Wehrkreiskommandeure reagierten schnell und mobilisierten ihre Truppen, die innerhalb von vier Stunden damit begannen, die völlig überrumpelte SS auszuschalten. An vielen Orten waren die lokalen SS-Führer zu irritiert von den Vorgängen, als dass sie effektiven Widerstand hätten leisten können. So konnten die meisten SS-Dienststellen unblutig besetzt und die Verantwortlichen in Gewahrsam genommen werden. An zentralen Stellen kam es dennoch zu Konfrontationen. So verschanzten sich Einheiten der SA und SS auf dem Parteitagsgelände in Nürnberg, das daraufhin von der Wehrmacht erstürmt werden musste. 22 SS- und SA-Angehörige sowie drei Polizisten und ein Soldat der Wehrmacht kamen dabei ums Leben. Auch an anderen Orten kam es zu Feuergefechten und Häuserkämpfen.

Erschießung von Aufständischen des Nationalsozialistischen Untergrunds, Reichsgau Bayreuth, Frühjahr 1950

Einige versprengte Einheiten der SS-Verfügungstruppen und der Totenkopfverbände flüchteten sich in den Untergrund und versuchten in den folgenden Monaten von dort aus, mit Guerilla-Aktionen, Anschlägen und Attentaten gegen die Regierung vorzugehen. Der Nationalsozialistische Untergrund verbreitete bis weit in die 1950er Jahre hinein in mehreren Wellen von politischen Morden und Terroranschlägen Angst und Schrecken und stellte den zurückgekehrten Reichsmarschall und seinen Stab vor enorme Herausforderungen.

In einigen Wehrkreisen weigerten sich einzelne Truppenteile, die Befehle zur Besetzung der SS-Dienststellen auszuführen und mancher bezweifelte sogar offen die offizielle Version der Geschehnisse. An diesen Beispielen zeigte sich, wie sehr die nationalsozialistische Ideologie bereits in die Wehrmacht eingesickert war und wie schwer es werden würde, das Heer von deren Einfluss zu säubern. Gegen Befehlsverweigerer wurde mit äußerster Härte durchgegriffen. Trotz dieser vereinzelten Zwischenfälle lief die Zerschlagung der SS im Großen und Ganzen jedoch verhältnismäßig effektiv und verlustarm.

Im Zuge der Aktionen gegen die SS waren an vielen Orten auch die Einrichtungen der Partei erstürmt und vom Militär gesichert worden. Die Gauleiter befanden sich fast alle im Gewahrsam der Wehrmacht, ihre Dienststellen wurden von Militärbeamten übernommen.

So ineffektiv die Militärverwaltung im Ganzen war, leistete es doch auf regionaler Ebene einen unschätzbaren Beitrag zur "Entnazifizierung", also der Verdrängung führender Nationalsozialisten aus staatlichen Funktionen, vor allem bei der Polizei, die seit 1936 immer enger mit der SS verzahnt worden war und nun mühsam wieder von ihr entflochten werden musste. Dieses Unterfangen sollte die Reichsverwaltung noch bis 1945 beschäftigen.

Ereignisse (EUWR)

Kalter Krieg (1936-...) | Britisch-Sowjetischer Krieg (1939-1943) | Operation Josua (1941) | Volksaufstand im Großdeutschen Reich (1942) | Himmlerputsch (1943) | Palästinischer Bürgerkrieg (1944-1946) | Jugoslawienkrieg (1951-1955) | Leipziger Revolte (1963)

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