FANDOM


Als Leipziger Revolte wird ein paramilitärischer Umsturzversuch der SS unter ihrem Reichsführer Heinrich Himmler gegen den kommissarischen Reichspräsidenten, den Präsidenten des Reichsgerichts Erwin Bumke, am 14. Juni 1939 bezeichnet. Bei diesem Manöver versuchten Einheiten der SS, das Gebäude des Reichsgerichts in Leipzig zu erstürmen und Bumke in Gewahrsam zu nehmen, um von ihm genehme Entscheidungen zugunsten der Nationalsozialisten zu erpressen.

Der Versuch scheiterte und bedeutete zum einen den Beginn des organisierten Kampfes der Reichsregierung gegen die SS, zum anderen aber auch das endgültige Scheitern der NS-Führung, die Kontrolle über wichtige Funktionen im Staat gewaltsam zurückzugewinnen.

Vorgeschichte

Am 20. April 1939 war der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler bei einer Parade erschossen worden. Als Träger sowohl des Amtes des Reichskanzlers als auch seit 1934 desjenigen des Reichspräsidenten hinterließ er ein politisches Machtvakuum, dessen konkrete Füllung zunächst unklar war.

Führende Juristen verwiesen auf die Weimarer Reichsverfassung, in der seit 1932 eine Vertretung des Reichspräsidenten durch den Präsidenten des Reichsgerichts vorgesehen war. Daraufhin erklärte ein Beschluss des Staatsgerichtshofes am 22. April erwin Bumke zum kommissarischen Reichspräsidenten. Dieser wandte sich zur Bildung einer funktionsfähigen Reichsregierung an den ehemaligen Reich- und letzten Vizekanzler Franz von Papen, den er dafür aus der Botschaft in Ankara zurückbeorderte.

Am 25. April nahm das Kabinett Papen II seine Arbeit auf, dem neben ehemaligen Deutschnationalen auch Nationalsozialisten angehörten. Dennoch wurden einige hochrangige Funktionäre aus ihren Ministerämtern entfernt. So wurde Wilhelm Frick als Innenminister durch den Deutschnationalen Carl Friedrich Goerdeler, den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister, ersetzt. Insbesondere aber sicherte sich von Papen selbst auf Kosten von Hermann Göring das Amt des Preußischen Ministerpräsidenten und somit die Verfügungsgewalt über die größte deutsche Polizeitruppe. Am selben Tag verfasste Reichstagspräsident Hermann Göring ein Ultimatum, in dem er Bumke aufforderte, statt von Papen ihn selbst zum Reichskanzler zu ernennen. Sollte dies nicht geschehen, werde der Reichstag die Regierung stürzen. Von Papen kam dem zuvor und beantragte beim kommissarischen Reichspräsidenten die Auflösung des Reichstages.

So hatte von Papen mit zwei gezielten Schlägen eine führende Größe der NSDAP politisch kaltgestellt und den Reichstag als eigenständige Größe vorerst ausgeschaltet. Ohnehin konnte die Reichsregierung durch das soeben erst verlängerte Ermächtigungsgesetz bis ins Jahr 1943 hinein Entscheidungen mit Gesetzeskraft in eigener Machtvollkommenheit fällen. Papens Ausgangslage war somit deutlich günstiger als während seiner ersten Kanzlerschaft 1932, als er auf (vom Reichstag jederzeit widerrufbare) Notverordnungen Hindenburgs angewiesen war.

Derweil betrieben Innenminister Goerdeler und Justizminister Gürtner eine Umstrukturierung des Lagerwesens. Wesentliches Ziel war es, die Konzentrationslager, die sich in der Hand der SS befanden, der Wehrmacht zu übergeben, um die unwürdigen Zustände in diesen Einrichtungen der Paralleljustiz zu beenden. Als am 12. Juni 1939 das "Gesetz zur Wiederherstellung des Strafvollzuges" in Kraft trat, kam es beim Einrücken der Armee zu Handgreiflichkeiten mit Einheiten der SS, die in einigen Lagern eskalierten. Im KZ Buchenwald starben zwei SS-Wachleute bei einem Schusswechsel. Ein Soldat und mehrere SS-Männer wurden verletzt.

Die NSDAP, die sich bislang zurückgehalten hatte, ergriff nun offen Partei für die SS und Parteiführer Rudolf Hess verlangte am Abend des 13. Juni vom kommissarischen Reichspräsidenten die Entlassung Goerdelers. Als dieser sich weigerte, begannen in der SS die Planungen, das Staatsoberhaupt zu kidnappen.

Der Umsturzversuch

LeipzReichsgericht

Das Reichsgericht in Leipzig wurde von SS Leuten umstellt

Am Morgen des 14. Juni gegen 8:00 Uhr rückten etwa 200 Mann der SS in Leipzig an und umstellten das Gebäude des Reichsgerichts, in dem sich Bumke seit etwa 6:30 Uhr aufhielt. Alle Seiteneingänge wurden abgeriegelt und etwa 100 Mann stürmten durch den Haupteingang ins Foyer.
Bundesarchiv Bild 183-1988-0113-500, Franz v. Papen (cropped)

Reichskanzler Franz von Papen sollte zeitgleich in Berlin bei einem Attentat getötet werden

Für die Angreifer völlig unerwartet hatten sich jedoch zahlreiche Einheiten der Polizei in dem Gebäude verschanzt und leisteten erbitterten Widerstand. Den Eindringlingen gelang es lange Zeit nicht, an Boden zu gewinnen oder gar den ersten Stock zu erreichen. Gegen 10:00 Uhr waren weitere Einheiten der Polizei vor Ort und umstellten nun ihrerseits das Gebäude, während die SS eilig ihre Reserven mobilisierte. Doch erst gegen 11:00 Uhr konnte die Lage durch die herannahenden Einheiten der Wehrmacht bereinigt werden, die zu diesem Zweck auch Schusswaffen einsetzten. 69 Angehörige der SS, 4 Soldaten der Wehrmacht und 21 Polizisten verloren bei dem Umsturzversuch ihr Leben. Viele weitere wurden teils schwer verletzt.

Parallel dazu versucht ein SS-Oberst in Berlin Reichskanzler Franz von Papen zu erschießen. Der Versuch misslang jedoch und der Attentäter wurde festgenommen. Seine Aussage war später entscheidend für die Bewertung des Geschehens und die Enttarnung der Beteiligten.

Gründe für das Scheitern

Die Gründe für den mangelnden Erfolg der Leipziger Revolte werden von den meisten Historikern in der schlampigen Vorbereitung durch die SS-Kommandanten vor Ort und die fehlende Unterstützung aus dem Hauptquartier gesehen. Dass Reichskanzler Franz von Papen Polizeikräfte zum Schutz des Reichsgerichts abstellen würde, das das kommissarische Staatsoberhaupt Bumke sich zu verlassen weigerte, war vorhersehbar und auch vorher schon gängige Praxis bei Reichspräsidenten gewesen. Über die Truppenstärke der örtlichen Einsatzkräfte hätte sich jeder Besucher des Reichsgerichts im Vorfeld ein Bild machen können. Dass dies nicht geschah, ist vor allem dem Zeitdruck zuzuschreiben, unter den Reichsführer Himmler die Leipziger Verantwortlichen gesetzt hatte. Mit einem Tag Vorbereitung wäre der Putschversuch möglicherweise anders verlaufen.

Auch das Fehlen von Verstärkungen aus dem restlichen Reichsgebiet und die mangelnde Koordination mit dem Angriff auf den Reichskanzler in Berlin waren vermeidbare Flüchtigkeitsfehler, die der allgemeinen Hektik zuzuschreiben sind.

Folgen

Die Anschläge auf das Staatsoberhaupt und den Regierungschef zeigten der Reichsregierung deutlich, dass große Teile der NSDAP nicht bereit und in der Lage waren, ihre Macht zu teilen. Insbesondere die paramilitärischen Verbände der SS und der SA rückten danach in den Fokus der Maßnahmen, die die Reichsregierung ergriff.

Nachdem sich das Heer mit seinem Eingreifen fraglos hinter die neue Regierung gestellt hatte, beschloss die Reichsregierung zunächst die allgemeine Entwaffnung aller paramilitärischen Einheiten, die Polizei und Wehrmacht gemeinschaftlich durchführen sollten. An verschiedenen Stellen kam es dabei zu Konfrontationen. So verschanzten sich Einheiten der SA und SS auf dem Parteitagsgelände in Nürnberg, das daraufhin von der Wehrmacht erstürmt werden musste. Auch an anderen Orten kam es zu Feuergefechten und Häuserkämpfen. Einige versprengte Einheiten der SS flüchteten sich in die Wälder und versuchten in den folgenden Monaten von dort aus, mit Anschlägen und Attentaten gegen die Regierung vorzugehen. Wo die Polizei hauptverantwortlich mit der Entwaffnung der SS betraut war, traten mitunter Fälle von Befehlsverweigerung auf. Die Begründung war in diesen Fällen, dass die Polizei den Ländern unterstehe und daher Befehlen der Reichsregierung nicht Folge leisten werde. Wo die Landesregierungen sich weiterten, entsprechende Anweisungen an ihre Polizeibehörden zu geben, wurden sie durch Reichskommissare nach dem Vorbild Preußens ersetzt.

Ein weiterer einschneidender Schritt betraf die NSDAP, die offen mit dem Umsturzplan der SS sympathisierte und nach wie vor zahlreiche landesweite Medien im Griff hatte. Durch Beschluss der Reichsregierung wurde am 17. Juni das "Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat" aufgehoben und damit die Rolle der NSDAP als Staatspartei beendet. Die folgenden Monate verbrachte insbesondere Innenminister Goerdeler damit, die Strukturen von Partei und Staat wieder zu entflechten. 1941 wurde schließlich auch das "Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" aufgehoben und der Weg zur Rückkehr in die Parteiendemokratie geebnet.

In der öffentlichen Wahrnehmung markiert die Leipziger Revolte einen massiven Zustimmungsverlust der Nationalsozialisten. Waren sie in den vergangenen Jahren als tatkräftige Ordnungsmacht wahrgenommen worden, die das Wohl des Volkes im Blick hatte, haftete ihnen nun das Image von Staatsverrätern an. Die Partei selbst wurde zwar nicht verboten, doch begann für sie der Absturz von der Massenbewegung zurück zur rechtsextremen Kaderpartei. Zwischen Rudolf Hess als Unterstützer der Nationalkonservativen und Joseph Goebbels als Führer der Nationalkommunisten brachen heftige Flügelkämpfe aus, die eine Konsolidierung erschwerten. Bei den Volkstagswahlen von 1943 erreichte die NSDAP nur noch 17% der Stimmen und war an keiner Regierung mehr beteiligt.

Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.