Alternativgeschichte-Wiki
Advertisement
Alternativgeschichte-Wiki

Der Volksaufstand im Großdeutschen Reich war eine Erhebung der Bevölkerung gegen die seit April 1939 amtierende Regierung Hermann Görings, der es nicht gelungen war, die wirtschaftlichen Probleme des Reiches zu lösen und dadurch den Staat an den Rand des Staatsbankrotts manövriert hatte, was zu schwerwiegenden sozialen Verwerfungen, hoher Arbeitslosigkeit, Produktions- und Versorgungsengpässen führte. Zuerst begannen die Arbeiter, gegen die durch Kurzarbeit bedingten faktischen Lohnkürzungen zu protestieren und schließlich auch zu streiken, während die breite Mehrheit der Bevölkerung die wirtschaftliche Misere zunächst vor allem durch die Einführung von Rationskarten zu spüren bekam, deren Gegenwert sich im Laufe der Zeit immer mehr verknappte. Schließlich mündeten die Unruhen in der Bevölkerung am 10. Jahrestag der Machtergreifung, dem 30. Januar 1943, in einen unkoordinierten Generalstreik, der die Reichsregierung zwang, in ihrer Wirtschaftspolitik radikal umzudenken. Dennoch eskalierte zuvor an mehreren Orten die Gewalt und das zur Befriedung der Lage eingesetzte Militär eröffete das Feuer auf gewaltbereite Demonstranten. Offizielle Stellen vermerkten reichsweit 1318 Todesopfer, inoffizielle Schätzungen gehen von bis zu 3000 Toten des Volksaufstands und der anschließenden Repressionsmaßnahmen aus. Es wird davon ausgegangen, dass ca. 13.000 weitere Menschen verletzt wurden.


Vorgeschichte

Die "Reichswerke Hermann Göring" in Salzgitter, gegründet zur Verarbeitung minderwertigen Eisenerzes

Adolf Hitler hatte im Jahr 1936 ein großangelegtes Programm, den sogenannten Vierjahresplan, auf den Weg gebracht, um gleichermaßen Deutschlands Kampfbereitschaft wie auch einen möglichst hohen Grad an Autarkie für die deutsche Wirtschaft zu erreichen. Bis 1940 hatten diese Pläne nicht nur eine beispiellose Aufrüstung erlaubt, sondern auch tatsächlich in einigen Bereichen wie z.B. Erzen und Legierungen, Nahrungsmitteln und Baustoffen einen hohen Grad an Autarkie tatsächlich herstellen können. In anderen Feldern, so vor allem bei der Versorgung mit Öl und Gas, blieb das Großdeutsche Reich aber weiterhin massiv von Importen abhängig. Die Forschung auf dem Gebiet der synthetischen Ersatzkraftstoffe erwies sich auch weiterhin als fruchtlos. So wurden in der Folge auch die Versuche intensiviert, zusätzliche Ölfelder auf deutschem Boden bzw. in deutschen Hoheitsgewässern zu finden. Insbesondere in der Nordsee fanden umfangreiche Probebohrungen statt, die vor allem im Holsteinischen Wattenmeer Bestände zutage förderten. So konnte das Fördervolumen in den folgenden Jahren zwar signifikant gesteigert werden, hielt aber mit der Entwicklung des Bedarfs nicht ansatzweise Schritt.

Der Zusammenbruch des Devisenhandels

Die Autarkiepolitik sollte sich in dem Moment als Fatal erweisen, in dem die letzten - nur durch die Annexion Österreichs und der Tschechei noch einmal kurzfristig gestreckten - Devisenreserven des Reiches aufgebraucht waren. Schon seit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft gab das Reich deutlich mehr Geld aus, als es einnahm. Die staatlich regulierte Preisfestlegung für inländische Produkte verschleierte allerdings über lange Strecken weitgehend effektiv den Zustand der innerdeutschen Finanzwirtschaft. Zu Beginn der 40er Jahre hin wurde die finanzielle Situation des Reiches trotz aller Bemühungen der Reichsregierung immer bedrohlicher. Neue Devisenreserven waren praktisch nicht mehr zu erhalten, die Ausfuhren gingen durch internationale Boykotte stetig zurück und die Versorgung mit für die Wirtschaft dringend benötigten Rohstoffen stockte. Auch die Versorgung mit Grundbedarfsgütern gestaltete sich immer schwieriger. Dem Reich stand der finanzielle Kollaps bevor. Der internationalen Zahlungsunfähigkeit wiederum hätte den Zusammenbruch der Volkswirtschaft, eine Hyperinflation und eine Versorgungskrise zur Folge gehabt. Den größten Anteil an der Krise hatte jedoch die weitgehende Abkoppelung der deutschen Inlandswirtschaft vom Weltmarkt durch Preisfestlegungen und eine "verdeckte Staatsverschuldung", die sich aus Papieren einer Strohfirma ohne Gegenwert generierte und damit den unvermeidlichen Kollaps der Reichsmark immer weiter hinauszögerte. Als Wirtschaftsminister Walther Funk schließlich Anfang 1939 erklärte, die Rückzahlung dieser Wertpapier-Anleihen zu verweigern und Hitler die Reichsbank zur unbegrenzten Kreditvergabe an das Reich zwang, wurde die Rückkehr an den Weltmarkt ohne zeitgleichen Zusammenbruch der Reichsmark völlig unmöglich.

Kurzarbeit und beginnende Arbeiterproteste

Verhaftung streikender Arbeiter, November 1940

Seit dem Herbst 1940 führte der chronische Rohstoffmangel in der Privatwirtschaft immer wieder zu Produktionsstillständen in den Fabriken. Um Entlassungen zu vermeiden, beförderte die Reichsregierung den exzessiven Einsatz von Kurzarbeit, also einer außerordentlichen Reduzierung der regelmäßigen Arbeitszeit unter Beihilfe des Staates. Das von der Reichsregierung ausgezahlte Kurzarbeitergeld, das den Lohnverlust der Arbeiter ersetzen sollte, fing den finanziellen Schaden jedoch nicht ansatzweise auf. Waren in der Anfangszeit die Einsätze von Kurzarbeit noch punktuell erfolgt, entwickelten sie sich bis 1942 jedoch immer mehr zum Dauerzustand, der de facto eine katastrophale Lohnkürzung für die Arbeiter bedeutete. Mit zunehmender Häufigkeit legten die Arbeiter in den Betrieben daher die Arbeit nieder und streikten gegen den Einsatz der Kurzarbeit, dies in einigen Fällen sogar auf Betreiben oder wenigstens mit ausdrücklicher Billigung der öftlichen DAF-Funktionäre. Mit zunehmender Popularität der Streikbewegung gab auch DAF-Führer Robert Ley seine Zurückhaltung immer mehr auf und solidarisierte sich offen mit den Arbeitern in den Betrieben. Die Gestapo ging hart gegen die Streikenden vor und viele wurden wegen subversiver, staatsgefährdender Aktivitäten verhaftet. Derweil konnten die Ausfälle in der Belegschaft bis zum Sommer 1941 zumindest kurzfristig noch durch die Zuweisung von Zwangsarbeitern oder Batallionen des Reichsarbeitsdienstes, die sich die Reichsregierung von den Unternehmen teuer bezahlen ließ, aufgefangen werden, doch wurde dadurch die Ursache der Proteste nicht wirklich behoben.

Ausweitung der Proteste auf die Rüstungspolitik

Demonstration gegen die Rüstungspolitik des Reiches, Oktober 1941

In den folgenden Monaten bis Ende 1941 begannen die Proteste allmählich, sich auf breitere Schichten des Volkes auszuweiten und sich verstärkt auch gegen die horrenden Militärausgaben und die damit verbundene Bündelung wirtschaftlicher Ressourcen in den Händen der Wehrmacht zu richten. Unter dem Leitspruch "Butter statt Kanonen! Mehr Lohn statt Divisionen!" demonstrierten die Arbeiter nun zunehmend für eine Umverteilung von Geldern und Rohstoffen zugunsten der Privatwirtschaft. Immer öfter solidarisierten sich jetzt auch andere Gruppen wie die Kirchen und Teile des Beamtenapparates oder der Polizei mit den Demonstranten. Bei einigen Gelgenheiten weigerte sich die von den den Stadtoberen angeforderte Schutzpolizei gar, illegale Demonstrationen aufzulösen. Je mehr die Proteste sich ausweiteten, desto weniger waren die unteren Staatsorgane gewillt, drastische Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um nicht unwillentlich zu einer Eskalation beizutragen. Dies wiederum ermutigte zunehmend die Demonstranten. Demgegenüber reagierte die Reichsregierung so gut sie konnte auf die Forderungen und bereits 1941 wurden erste Rüstungsprojekte, vor allem solche der Kriegsmarine, auf Eis gelegt. Das betraf neben den Großkampfschiffen auch die Flugzeugträger, von denen sich zwei bereits im Bau befanden. Während die Graf Zeppelin noch fertiggestellt wurde, wurde der unfertige Rumpf ihres Schwesterschiffes wieder abgebrochen. Auch bei den Großkampfschiffen erlebten lediglich die Bismarck und die Tirpitz ihren Stapellauf.

Versorgungskrise und Rationierungsmaßnahmen

Wer Geld hatte, hatte nichts, was er dafür kaufen konnte. Seit 1940 wurden lange Schlangen vor den Geschäften, die neue Ware geliefert bekamen, ein häufiger Anblick.

Dennoch verschlechterte sich die Versorgungslage der Bevölkerung immer weiter. Zum Winter 1941 mussten erstmals seit dem Weltkrieg wieder Bezugsscheine für zahlreiche Güter des täglichen Bedarfs ausgegeben werden, ein Vorgehen, das Göring unter allen Umständen hatte vermeiden wollen. In den vorangegangenen Monaten waren die vorhandenen Gütermengen kontinuierlich zurückgegangen. Leere Regale und lange Warteschlangen vor den Geschäften wurden ein vertrauter Anblick. Während viele Waren auf den offiziellen Wegen kaum noch zu bekommen waren, blühte eine rege Schattenwirtschaft auf. Der Schwarzmarkt beschaffte, was die Regierung nicht vorhalten konnte. Doch erst die Rationierung machte endlich auch den Letzten klar, dass das Reich sich in einer schweren Krise befand. Je weiter die Rationen zusammengestrichen wurden, desto mehr entwickelte die Versorgungskrise schließlich auch existenzbedrohende Züge. Schließlich sanken die Lebensmittelrationen auf so geringe Mengen, dass sie der Bevölkerung nicht mehr zum Leben reichten. Ansätze zu einer Hungersnot wurden sichtbar.

Protest gegen die Lebensmittelrationierungen im Düsseldorfer Hofgarten, November 1942

Die Reichsregierung beschwor als Reaktion auf die wachsende Unruhe im Volk den heroischen Kampf der Volksgemeinschaft gegen den ihr von auswärtigen Mächten aufgezwungenen Hungerkrieg. Wiederholt griff Göring Großbritannien und die Vereinigten Staaten an, die durch Boykottkampagnen und Lügenpropaganda dem internationalen Ansehen des Großdeutschen Reiches schweren Schaden zugefügt und "dem deutschen Arbeiter das Werkzeug aus der Hand geschlagen" hätten. Die Versorgungskrise sei also im Wesentlichen das Ergebnis der internationalen Isolation Großdeutschlands und nicht auf Misswirtschaft des Regimes zurückzuführen. Eine nationale oder gar antibritische Stimmung konnte dadurch nur begrenzt angeheizt werden. Vielen Arbeitern war - wie auch den Vertretern der Großindustrie - klar, dass der Rohstoffmangel und der Devisenbankrott maßgeblich durch die hohen Rüstungsausgaben verursacht waren. Was in der Bevölkerung allerdings keine Berücksichtigung fand war die Tatsache, dass die Krise nicht etwa durch eine Unfähigkeit der neuen Reichsregierung, die Ziele Hitlers zu erreichen, verursacht wurde, sondern ein direktes Ergebnis der Wirtschaftspolitik war, die Hitler selbst diktiert hatte. Göring als Verantwortlicher für den Vierjahresplan galt als Architekt der gescheiterten Autarkiepolitik, war jedoch selbst vor allem Befehlsempfänger gewesen. So führte der Unmut im Volk zwar zu einer Distanzierung von der Reichsregierung, dieser folgte aber keine Distanzierung von Kerninhalten des Nationalsozialismus oder dem Personenkult um den "Erzmärtyrer des Deutschen Volkes" Adolf Hitler. Im Gegenteil erlebte der Satz "Wenn das der Führer wüsste..." bzw. "Wenn das der Führer hätte erleben müssen..." eine neue Hochkonjunktur.

Weitere Kritikpunkte und Protestaktionen

Der Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen im Kardinalsornat, 1946

Immer wieder flammten auch inhaltliche Proteste gegen die Politik der Reichsregierung auf. Diese richteten sich gegen einzelne Maßnahmen, die als ethisch und moralisch fragwürdig galten. So protestierte der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen im Verlaufe des Jahres 1941 mehrfach in seinen Predigten gegen das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten, das die gezielte Tötung von Behinderten zum Inhalt hatte. Seine Predigten verbreiteten sich in Abschriften rasant und führten dazu, dass die Aktion T4, wie das Euthanasieprogramm im NS-Verwaltungssprech hieß, zunächst abgebrochen werden musste. Teile der Reichsführung forderten, Galen zu hängen oder wenigstens zu verhaften. Aus Sorge vor Unruhen in der Bevölkerung ließ man ihn jedoch unbehelligt. Stattdessen wurde die Druckerei verstaatlicht, die seine Schriften vervielfältigt hatte, und mehrere katholische Zeitungen verboten.

Am 13. Januar 1943 führte eine Rede des Gauleiters Paul Giesler bei der 470-Jahr-Feier der Münchner Universität zu tumultartigen Protesten. Er beschimpfte Studentinnen, sich herumzutreiben. Sie sollten stattdessen „dem Reichsmarschall ein Kind schenken“, er werde auch seine Adjutanten zu dem Zweck vorbeischicken. Von Studenten wurde der Angetrunkene aus dem Raum gedrängt. Protestierende Studentinnen wurden im Anschluss festgenommen.

Bildung einer außerparlamentarischen Opposition

Wenngleich Proteste dieser Art lokale Phänomene blieben, zeigte sich doch mehr und mehr, dass die Zivilgesellschaft grundsätzlich über Möglichkeiten verfügte, sich Gehör zu verschaffen. Zur Bildung einer regelrechten Widerstandsbewegung reichten diese Ansätze allerdings für lange Zeit nicht aus. Eine Mischung aus Furcht und Behäbigkeit erhielt den Nationalsozialisten in den Jahren zwischen 1939 und 1943 zunächst noch ihre absolute Macht im Staate. Die Ideologische Klammer aber, die der Nationalsozialismus unter Hitler dargestellt hatte, war längst überdehnt. Die Partei als Trägerin der Bewegung beschränkte sich zum Großteil auf die Verwaltung des Status Quo. Zu einer selbstständigen Politik war ihr Führer Rudolf Hess schon seit langem nicht mehr fähig gewesen. De facto war er längst vom Leiter der Parteikanzlei, Martin Bormann, an den Rand gedrängt worden. Bormann wiederum gefiel sich in der Rolle eines akribischen Organisators, entwickelte jedoch wenige eigene Ideen. So war die Partei als nennenswerter Machtfaktor weitestgehend ausgefallen, was dem Einzelkämpfer Göring nicht ungelegen kam. An der Stelle der harten Hand Hitlers hatte sie sich einer Kakophonie sehr heterogener und häufig gegensätzlicher Denkmodelle ergeben, die sich um Parteiposten stritten und auf Parteiversammlungen gegeneinander anschrien.

Protestkundgebung in Berlin, Oktober 1942

Seit dem Herbst 1942 begann sich allmählich eine außerparlamentarische Opposition gegen die Reichsregierung zu bilden. Die Bevölkerung wurde in der Artikulation ihrer Forderungen nach und nach selbstbewusster und scheute bald auch nicht mehr vor staatlichen Repressionsmaßnahmen - die im Verhältnis doch relativ gemäßigt erschienen - zurück. Unter dem Radar entstanden Gesprächskreise und Aktionsgruppen, die ein breites Spektrum politischer Positionen abdeckten. Insbesondere die Kirchen wurden zum Sammelbecken der oppositionellen Kräfte, da sie vielfach den Freiraum boten, der durch die gleichgeschalteten Massenorganisationen geraubt worden war. Zum maßgeblichen Wortführer der Proteste wurde schnell der populäre ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler.

Ludwig Erhard war Lehrbeauftrager der Nürnberger Handelshochschule, Gründer der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) und Berater für die wirtschaftliche Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich.

Göring und seine Regierung vermochten es trotz zahlreicher Bemühungen nicht, die Krise in den Griff zu bekommen. Schuld daran war nicht zuletzt ihr Unwillen, den grundlegenden Kurs der Wirtschaftspolitik zu ändern und eine grundlegende Abkehr vom Ziel der Autarkie zu vollziehen, die von zahlreichen Volkswirten als einzig sinnvolle Maßnahme angesehen wurde. Zu einem populären Fürsprecher wirtschaftlicher Liberalisierung wurde der Wirtschaftswissenschaftler Ludwig Erhard, der seit einiger Zeit schon mit Goerdeler in engem Austausch stand. In zahlreichen Denkschriften an das Reichsfinanz- und das Reichswirtschaftsministerium, in Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, Büchern und Vorträgen empfahl er neben einem Wiederanschluss der deutschen Wirtschaft an den Weltmarkt vor allem, den Unternehmen weitgehend freie Hand zu lassen und nach und nach die aufrüstungsbedingte Kommandowirtschaft herunterzufahren. Obgleich er mit seinen Thesen bei Wirtschaftsminister Funk auf taube Ohren stieß, fanden sie doch in der Privatwirtschaft massiven Anklang. Mehrere namhafte Großindustrielle wie Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Fritz Thyssen oder auch Ferdinand Porsche stellten sich hinter die wirtschaftsliberalen Pläne des Ökonomen. Dadurch erlangte Erhard innerhalb kürzester Zeit reichsweite Bekanntheit. Seine Bücher wurden zu Bestsellern.

Der Volksaufstand vom 30. Januar 1943

Zu Beginn des Jahres 1943 spitzte sich die Lage - sozial wie wirtschaftlich - noch einmal dramatisch zu. Seit dem November 1942 war das Großdeutsche Reiche infolge des endgültigen Versiegens seiner Devisenquellen international zahlungsunfähig und konnte fortan weder seine Auslandsschulden begleichen noch Güter aus dem Ausland importieren. Die Rohstoffwirtschaft brach nun vollends zusammen, was katastrophale Auswirkungen auf die Produktivität hatte.

Zusammenbruch der Lieferketten

Im VW-Werk in Wolfsburg standen seit dem 4. Januar alle Bänder still, da durch den Rohstoffmangel zahlreiche Zulieferer ihre Zusagen nicht einhalten konnten. Somit waren mit einem Schlag tausende Arbeiter eines der wichtigsten Staatsbetriebe de facto arbeitslos. Vielen anderen, insbesondere stahlverarbeitenden Betrieben erging es ähnlich. Die Auszahlung des Kurzarbeitergeldes, das für einen so vollständigen Kollaps nicht vorgesehen war, geriet in den folgenden Wochen mehr und mehr ins Stocken. Die Reichsregierung versuchte fieberhaft, die enormen Summen zu generieren, die nötig waren, um großflächige Entlassungen zu verhindern und presste der Reichsbank unbegrenzte Auszahlungszusagen ab. Die Druckerpressen arbeiteten auf Hochtouren, was aber wiederum das Vertrauen in die Reichsmark trotz weiterhin bestehender strenger Preisregulierung massiv erschütterte. Dennoch war die Regierung nicht in der Lage, ihre Verpflichtungen den Arbeitern gegenüber einzulösen. So wurden die Lohnauszahlungen im Finanzministerium priorisiert und zunächst die Angestellten und Beamten des Reiches und der Kommunen ausgezahlt, während zahlreiche Arbeiter zu Ende Januar vergeblich vor den Werkstoren ausharrten und ohne Lohntüte den Heimweg antreten mussten.

Leere Lohntüten

In zahlreichen Betrieben des Reiches begannen die Arbeiter - wie hier in der Kröger-Werft in Warnemünde - nach Ausbleiben ihrer Lohnzahlungen am 30. Januar 1943 mit Streiks und Protesten

Vor vielen Fabriken bildeten sich am Samstag, dem 30. Januar im Laufe des Vormittags Trauben frustrierter Menschen. Die Reaktionen der Arbeiter auf das Ausbleiben ihrer Löhne fielen im einzelnen sehr unterschiedlich aus, gemeinsam war ihnen aber, dass sich wütender Protest gegen die Reichsregierung und deren Unfähigkeit formierte, den Zusammenbruch abzuwenden. An manchen Orten drangen die Menschen in die Fabriken ein und versuchten, sich ihr Geld mit Gewalt zu holen. Bereits in den frühen Morgenstunden musste die Ordnungspolizei reichsweit zu zahlreichen Einsätzen ausrücken, um die Demonstrierenden vom Werksgelände zu entfernen. In einem Fall wurde der Geschäftsführer eines Stahlwerks von seinen Arbeitern gekidnappt. Auf diesem Weg wollten sie von seiner Frau Lösegeld in Höhe ihres ausstehenden Lohnes erpressen. An anderen Orten bildeten sich Sitzstreiks vor den Fabriken, die weitgehend friedlich einen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik forderten. Die Thesen wirtschaftsliberaler Vordenker wie Ludwig Erhard wurden hierbei offen als Forderungen an die Reichsregierung herangetragen.

Solidarisierung und Massenmobilisierung

In Berlin und anderen großen Städten wuchsen die Arbeiterzüge - wie hier auf dem Kurfürstendamm - zu riesigen Massenkundgebungen an

Die größten Verwicklungen ergaben sich allerdings an jeden Orten, an denen sich die frustrierten Arbeiter zu spontanen Demonstrationszügen zusammenschlossen und versuchten, auf diesem Wege konkrete Reaktionen von der Regierung zu erzwingen. Teilweise führten die Demonstrationszüge zu den Rathäusern der Städte, teilweise zu Polizeistationen oder anderen öffentlichen Gebäuden, die als Repräsentanten der Staatsmacht gelten konnten. Die SS ging brutal gegen die Rädelsführer vor, doch der Sturm der Entrüstung wurde dadurch nur noch mehr angefacht. Der Radikalisierung der Proteste folgte eine ebenso starke Mobilisierung der Bevökerung, die sich an vielen Orten mit den Demonstranten solidarisierte, sodass die zum Anfang noch überschaubaren Grüppchen zu wahren Massenaufläufen anschwollen. Insbesondere in Berlin war bis zum Mittag die ganze Stadt auf den Beinen. Die Polizei zeigte sich von diesen Dimensionen überfordert. Vielerorts schritten die Sicherheitskräfte nicht aktiv ein, sondern beschränkten sich darauf, sicherzustellen, dass Akte von Vandalismus ausblieben. Mit Straßensperren, Ausgangskontrollen und Blockaden vor Betrieben und Verwaltungsgebäuden versuchte die Polizei, den Volkszorn zu bändigen, war jedoch ohne Unterstützung des Militärs dem Anwachsen der Erhebung nicht gewachsen.

Das von Demonstranten in Brand gesteckte Columbushaus am Potsdamer Platz in Berlin

Vielerorts kam es zu Ausschreitungen und Beschädigungen von Staatseigentum. Die zunächst gewaltlosen Proteste begannen - auch durch das ungeschickte Agieren der SS - im Verlaufe des Tages zunehmend zu eskalieren und immer öfter kam es zu Vandalismus und gezielten Aktionen gegen Einrichtungen der Gestapo, des SD und der SS. In Berlin steckten Randalierer schließlich das Columbushaus am Potsdamer Platz in Brand, in dem seit 1941 die Zentrale des Euthanasieprogramms untergebracht war. Anderenorts brannten Autos, wurden Rathäuser besetzt oder lieferten sich radikale Protestierende Rangeleien mit den Sicherheitskräften.

Eskalation und Verhängung des Ausnahmezustands

Zum Nachmittag hin erhoben sich immer häufiger auch Stimmen, die einen politischen Umsturz forderten

Die Demonstrationen richteten schließlich zum Nachmittag hin endgültig offen gegen die Regierung als Ganze und immer wieder tauchten regierungsfeindliche Transparente auf. Bisweilen wurde nun sogar unumwunden zum Sturz des Regimes aufgerufen. Reichsmarschall Göring, der sich von dieser Entwicklung gleichermaßen schockiert wie gelähmt zeigte, zögerte zunächst, den von einigen Vertretern des Geheimen Kabinettsrates geforderten Ausnahmezustand zu verhängen und das Militär zur Befriedung der Lage einzusetzen. Stattdessen beriet er sich mit seinen Vertrauten, wie es möglich wäre, den Forderungen der Demonstanten entgegen zu kommen, ohne das Gesicht zu verlieren, kam jedoch zu keinen zufriedenstellenden Ergebnis. Am frühen Abend gab er schließlich dem Drängen nach, verhängte den Ausnahmezustand und alarmierte die Wehrkreise.

Am Abend des 30. Januar 1943 rollten Panzer durch Berlin

Die Wehrmacht begann daraufhin, in den Städten Präsenz zu zeigen und in Einzelfällen auch die Demonstranten auseinanderzutreiben. In manchen Orten lösten sich die Proteste beim Anblick der Panzer nahezu unmittelbar selbst auf, an anderen Orten standen sich Volk und Armee teilweise über mehrere Stunden regungslos Auge in Auge gegenüber. Da Göring keinen ausdrücklichen Schießbefehl erteilt hatte, zögerten auch die allermeisten Wehrkreiskommandanten, ihren Einheiten den Einsatz bewaffneter Gewalt zu gestatten, solange die Soldaten selbst nicht angegriffen wurden. Gemäß dem alten Leitspruch "Deutsche schießen nicht auf Deutsche!" war die Wehrmacht bemüht, eine offene Konfrontation um jeden Preis zu vermeiden. Insbesondere in Berlin hatte der Aufstand jedoch bereits eine solche Eigendynamik entwickelt, dass sich eben dieser Zusammenstoß nicht mehr vermeiden ließ. An verschiedenen Stellen bewaffneten sich die Demonstranten mit Steinen oder Flaschen und griffen die aufmarschierten Truppen an. Zunächst gaben die Soldaten Warnschüsse ab, um die Protestierenden von einer weiteren Eskalation abzuschrecken.

Militärische Niederschlagung des Volksaufstands

Demonstranten fliehen vor den Panzern der Wehrmacht, die das Feuer eröffnet haben

Bald lösten sich jedoch auch erste Schüsse in die Menge. Diese Schüsse besiegelten die endgültige Eskalation der Ausschreitungen. Wütende Demonstranten versuchten nun, den Soldaten ihre Gewehre abzunehmen und in den daraus entstandenen Rangeleien eröffnete die Wehrmacht schließlich das Feuer und trieb die Randalierer auseinander. Bis zum späten Abend hatte die Wehrmacht die Straßen völlig unter ihrer Kontrolle und alle Demonstrationen hatten sich entweder aus eigenem Antrieb oder unter Einsatz von Waffengewalt aufgelöst. Der Aufstand war niedergeschlagen und die Position der Reichsregierung gesichert. Offizielle Stellen vermerkten reichsweit 1318 Todesopfer, inoffizielle Schätzungen gehen von bis zu 3000 Toten des Volksaufstands und der anschließenden Repressionsmaßnahmen aus.

Vergeltung der Staatsmacht

Carl Friedrich Goerdeler bei seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof, März 1943

Nach der Unterdrückung der Volkserhebung folgte eine reichsweite Verhaftungswelle. Zehntausende wurden festgenommenund so die zaghaft aufgebaute außerparlamentarische Opposition in weiten Teilen zerschlagen. 18 Personen wurden von ordentlichen Gerichten neun Männer vom Volksgerichtshof wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dessen prominentestes Opfer wurde Carl Friedrich Goerdeler, der schließlich wegen Anstiftung zum Aufruhr verurteilt und in der JVA Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Insbesondere warf man Goerdeler vor, er habe eine Revolution anzetteln wollen, um sich selbst als Volkstribun an die Spitze des Staates zu setzen, was aber seinem realen Einfluss auf die Geschehnisse in keinster Weise gerech wurde. Eine regelrechte "Goerdeler-Bewegung" hatte es nie gegeben, sondern lediglich kleine konservative Gesprächskreise, die bis zu diesem Zeitpunkt eher lose in Kontakt gestanden hatten und selbst von den Ereignissen überrollt wurden. 5.277 Personen erhielten zum Teil langjährige Zuchthausstrafen oder landeten in den Konzentrationslagern. Als Verurteilte des 30. Januar wurden sie auf ihrer Kleidung durch ein großes "X" kenntlich gemacht und in der Haft oft besonders schlecht behandelt.

Internationale Reaktionen

Berichte von der Niederschlagung des Volksaufstands sowie der sich anschließenden Verfolgungswelle wurden im Ausland überwiegend mit Bestürzung aufgenommen. Insbesondere in der Sowjetunion war man entrüstet über die brutale Behandlung der deutschen Arbeiterklasse durch die faschistische Burgeouisie. Stalin nahm sie zum Anlass, die Arbeiter aller Länder zum gemeinsamen Aufstand gegen Faschismus und Kapitalismus aufzurufen. Der britische Premierminister Anthony Eden geißelte vor allem die deutsche Wirtschaftspolitik, die er als maßgeblich verantwortlich für das Leid der Zivilbevölkerung betrachtete. Auch der Völkerbund verurteilte die unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt gegen die eigene Zivilbevölkerung.

Der Kritik aus dem Ausland stellte sich Propagandaminister Joseph Goebbels in einer minutiös inszenierten Rede im Berliner Sportpalast entgegen. Insbesondere griff er Großbritannien und die Vereinigten Staaten und die Berichterstattung in der dortigen Presse über den Aufstand und die Reaktionen der deutschen Bevölkung auf diese Ereignisse an:

In diesen Tagen hat sich die englische und amerikanische Presse sehr ausgiebig mit der Haltung des deutschen Volkes in der gegenwärtigen Krise befaßt. Die Engländer kennen das deutsche Volk nach Ihren Angebereien bekanntlich viel besser, als wir, seine eigene Führung. Sie geben uns scheinheilig Ratschläge, was wir zu tuen und zu lassen hätten, immer in der irrigen Ansicht, das deutsche Volk von heute gleiche dem deutschen Volk vom November 1918, das auf ihre Verführungskünste hereinfiel. Ich habe es nicht nötig, gegen diese Annahme den Gegenbeweis zu führen. Der Gegenbeweis wird vom arbeitenden deutschen Volke jeden Tag aufs Neue erhärtet.

In wortgewaltiger Sprache beschwor er die heroischen Taten vergangener Tage, die das Deutsche Volk auch für diese neue Prüfung gerüstet hätten:

Die Stunde drängt! Sie läßt keine Zeit mehr offen für fruchtlose Debatten. Wir müssen handeln, und zwar unverzüglich, schnell und gründlich, so wie es seit jeher nationalsozialistische Art gewesen ist. Von ihrem Anfang an ist die Bewegung in den vielen Krisen, die sie durchzustehen und durchzukämpfen hatte, so verfahren. Und auch der nationalsozialistische Staat hat sich, wenn eine Bedrohung vor ihm auftauchte, ihr mit entschlossener Willenskraft entgegengeworfen. Wir gleichen nicht dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um die Gefahr nicht zu sehen. Wir sind mutig genug, sie unmittelbar ins Auge zu nehmen, sie kühl und rücksichtslos abzumessen und ihr dann erhobenen Hauptes und mit fester Entschlußkraft entgegenzutreten. Erst dann entwickelten wir als Bewegung und als Volk immer auch unsere höchsten Tugenden, nämlich einen wilden und entschlossenen Willen, die Gefahr zu brechen und zu bannen, eine Stärke des Charakters, die alle Hindernisse überwindet, zähe Verbissenheit in der Verfolgung des einmal erkannten Zieles und ein ehernes Herz, das gegen alle inneren und äußeren Anfechtungen gewappnet ist. So soll es auch heute sein.

Die Bezugnahme auf "innere und äußere Anfechtungen" konnte und musste von den Zuhörern auch auf den von der Reichsregierung immer wieder beschworenen "Hungerkrieg" der Westmächte gegen das Großdeutsche Reich bezogen werden.

Rede des Propagandaministers Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast, 18. Februar 1943

In der Folge zählte Goebbels verschiedene Thesen auf, die angeblich in der englischen Presse kursierten, und ließ sie anschließend vom aufgestachelten Publikum niederschreien. Die rund 109 Minuten dauernde Rede gilt als ein Paradebeispiel der Rhetorik und der NS-Propaganda. Sie gilt als größte rhetorische Leistung des Propagandaministers. Die Rede selbst war detailliert inszeniert, Goebbels hatte das Publikum auf treueste Parteianhänger hin handverlesen, Sprechchöre studierten Slogans ein, eine Hundertschaft wurde instruiert, wann und wie lange sie applaudieren sollten. Über die Lautsprecheranlage des Sportpalastes wurde später auch Applaus von Schallplatte eingespielt.

Die Rede, die in Gänze im Radio übertragen wurde, verfehlte ihre Wirkung nicht. In Großbritannien musste man einsehen, dass das Volk sich nicht, wie erhofft, massenhaft gegen das Regime erheben würde und dieses auch keineswegs so instabil war, dass es durch einen solchen Aufruhr ernsthaft hätte ins Wanken geraten können. So setzte sich auch im Westen mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass der Nationalsozialismus der Welt noch für eine sehr lange Zeit erhalten bleiben könnte.

Nachwirkungen

Mit der Niederschlagung des Volksaufstands hatte Göring zwar seine Beliebtheit beim Volk verspielt, jedoch seine unangefochtene Macht im Reich langfristig gesichert. So konnte er aus einer Position der Stärke heraus auftreten und die nun anstehenden wirtschaftlichen Reformen nicht als Kapitulation vor dem Volk, sondern vielmehr als großherziges Zugeständnis verkünden.

Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik

Reichsmarschall Hermann Göring bei seiner Ansprache zum 10. Jahrestag der Machtergreifung, 30. Januar 1943

Göring versprach in einer Radioansprache die Behebung der Rohstoffknappheit durch Zurückfahren der Rüstungsproduktion, eine Ankurbelung der Privatwirtschaft und ein Maßnahmenpaket zur Sicherstellung der Lebensmittelversorgung. Die selbe Ansprache nutzte er auch, um seinen Führungsanspruch dadurch deutlich zu machen, dass er die "Nationale Revolution", die Hitler mit der Machtergreifung vor zehn Jahren begonnen hatte, für vollendet erklärte. Von nun an sei das System nicht mehr revolutionär, vielmehr habe sich ein "konsolidierter Natonalsozialismus" entwickelt, was im Grunde nichts anderes meinte als den Übergang vom ideologischen Totalitarismus Hitlers zu einem klassisch-konservativen Autoritarismus.

Der neue Beauftragte für den Vierjahresplan, Ludwig Erhard, erwarb sich schnell den Ruf eines "Machers", hier bei der Besichtigung einer Großbaustelle, Mai 1944

Zum Sündenbock für die verfehlte Autarkiepolitik machte der Reichsmarschall Wirtschaftsminister Walther Funk. Ihm vorgesetzt wurde nun der Volkswirt Ludwig Erhard, den Göring in Nachfolge seiner selbst zum Beauftragen für den Vierjahresplan und zum Beauftragten für Rohstoff- und Devisenfragen ernannte. Der profilierte und prominente Wissenschaftler sollte nun die Chance ehalten, seine Theorien in die Tat umzusetzen und die Misere des Reiches zu lindern, was ihm auch mit einigem Erfolg gelang. Nach und nach konnten die Einschränkungen und Hürden im Wirtschaftsleben, die in den letzten Jahren entstanden waren, zurückgefahren werden. Die Besetzung der Führungsriege des Regimes sollte sich in den folgenden Jahren unter Göring massiv wandeln. Nach 1943 etablierte sich ein vornehmlich von Technokraten gesteuertes System, das mit dem ideologisch fundierten Nationalsozialismus Hitlers immer weniger Berührungspunkte hatte. In den restlichen 22 Jahren seiner Herrschaft stützte Göring seine Position maßgeblich auf das Militär und das Reichssicherheitshauptamt. Die NSDAP war zwar nach wie vor nominelle Staatspartei und der Nationalsozialismus nominelle Staatsdoktrin, doch erlangten beide nie wieder die zentrale Stellung, die sie unter Hitler eingenommen hatten. Dies lag nicht zuletzt darin begründet, dass Göring es verstand, Partei, Militär, Reichstag und Reichsregierung bei Bedarf gegeneinander auszuspielen.

Verschärfung der Sicherheitspolitik

Schema der Grenzanlagen in einem modernen Schulbuch

Die Verschärfung der Situation nach dem gescheiterten Volksaufstand trieb viele Deutsche zur Flucht ins Ausland. Die Einheiten des von Göring ab 1944 aufgestellten Reichsgrenzschutzes unter Zuständigkeit des Reichssicherheitshauptamtes sollten daher in erster Linie Fluchtversuche von Reichsbürgern aus dem eigenen Land verhindern. An der gesamten deutschen Außengrenze standen Posten der Grenztruppen, die im Fall von drohenden Grenzdurchbrüchen auch Gebrauch von der Schusswaffe machten (Schießbefehl); auch waren im vorgelagerten Gebiet, dem sogenannten "Todesstreifen", Minen und in späterer auch Zeit Selbstschussanlagen installiert. Das hatte zur Folge, dass viele Menschen beim Versuch, die Sperranlagen zu überwinden, um das Reich zu verlassen, getötet wurden. Nach inoffiziellen Angaben starben zwischen 1944 und 1961 insgesamt 5587 Menschen bei Grenzzwischenfällen an den Reichsgrenzen. Darunter befinden sich 500 Grenzer, die durch Suizid oder Unfälle mit Schusswaffen ums Leben kamen. Mindestens 80 Grenzsoldaten wurden bei Grenzdurchbrüchen erschossen.

Kein Entkommen: Tausende Beamte des Reichsgrenzschutzes schotteten die Reichsbürger von der Außenwelt ab

Rechtlich flankiert und abgesichert wurde das Vorgehen durch den neuen Straftatbestand der Reichsflucht. Die Vorbereitung und der Versuch einer Flucht, wie auch deren Nichtanzeige, wurden bestraft. Ein engmaschiges Netz entstand, um Fluchtabsichten aufdecken zu können: Die Reichspost meldete Nachsendeaufträge, Spediteure sollten Umzüge melden, Notare Immobilienverkäufe anzeigen und Lebensversicherungen erbetene Rückkäufe melden. Mit der Gestapo wurden Post- und Telefonüberwachung einzelner Verdächtigter vereinbart, die immer mehr zunahmen, bis schließlich eine totale technische Überwachung eines großen Teils der Bevölkerung sichergestellt war. Nach Schätzungen wurden rund 300.000 Menschen wegen Fluchtversuchen verurteilt, in der Regel mit Gefängnisstrafen zwischen einem und drei Jahren und anschließender besonderer Überwachung durch die Gestapo. Wer bewaffnet war, Grenzanlagen beschädigte, als Armeeangehöriger oder als Geheimnisträger bei einem Fluchtversuch gefasst wurde, dem drohten bis zu acht Jahre Gefängnis. Wer darüber hinaus als erklärter Staatsfeind galt, endete häufig im Konzentrationslager und war dort Zwangsarbeit und einem nationalsozialistischen Umerziehungsprogramm ausgesetzt. Wem die Flucht gelang oder wer bei dem Versuch starb, dessen Vermögen wurde vom Staat konfiziert und die Angehörigen häufig aller vermögensrechtlichen Ansprüche inklusive der Witwen- und Waisenrente beraubt. Nicht selten wurden die Angehörigen von Reichsflüchtlingen sozial geächtet und waren verschärfter Überwachung durch das RSHA unterworfen.

Agenten des SD sichten Ausweispapiere, 1948

Das gesellschaftliche Klima gestaltete sich in den Folgejahren erdrückend beengt. Das Reichssicherheitshauptamt (vor allem Gestapo und SD) stieg zum zentralen Macht- und Kontrollinstrument Görings auf. Mit der technischen Entwicklung und dem zunehmenden Ausbau der Behörde entwickelte es sich zum omnipräsenten Begleiter der Deutschen in ihrem Alltag. Systematische Telefonüberwachung, Postkontrollen und die Dienste sogenannter "geheimer Zuträger" ließen die Super-Behörde nahezu allwissend erscheinen. Auf dem Höhepunkt seiner Tätigkeit konnte das RSHA auf ein Netzwerk von beinahe 900.000 Spitzeln zugreifen. Niemand konnte sich sicher sein, dass seine im Vertrauen getätigten Aussagen nicht durch einen engen Freund oder gar den eigenen Ehepartner in die Hände der Gestapo gelangten. Es entstand ein Zustand des permanenten gegenseitigen Misstrauens, der jede subversive Betätigung im Keim erstickte. Ein Ausbrechen aus dem NS-System war kaum noch möglich.

Erst mit der deutsch-amerikanischen Annäherung und der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage im Inland wurde die Grenze schließlich durchlässiger. Immer mehr Reichsbürger erhielten reguläre Ausreisepapiere, kehrten aber in der Regel von einer Auslandsreise auch wieder zurück. Der Schießbefehl blieb zwar in Kraft, wurde jedoch immer häufiger nicht mehr vollstreckt, sodass die hermetische Abriegelung schließlich zum Beginn der 1960er Jahre ein Ende fand. Demgegenüber blieb die allgegenwärtige Überwachung den Deutschen jedoch, noch einmal verstärkt nach der Leipziger Revolte von 1963, im Wesentlichen bis zum Ende der Göring-Ära erhalten und wurde erst unter Reichsmarschall Adolf Heusinger spürbar gelockert.

Ereignisse (EUWR)

Kalter Krieg (1940-...) | Palästinischer Bürgerkrieg (1940-1952) | Volksaufstand im Großdeutschen Reich (1943) | Jugoslawienkrieg (1951-1955) | Leipziger Revolte (1963) | Militärputsch im Großdeutschen Reich (1966)